Zwischen Folk-Horror und Familiendrama
Von wegen Idylle: In vielen österreichischen Filmen lauert in letzter Zeit auf dem Land das Grauen. Luzifer bricht im gleichnamigen Almdrama über Mutter und Sohn herein, beim Family Dinner wird Ungustiöses aufgetischt und jetzt reiht sich das Langfilm-Debüt des 39-jährigen Wiener Schauspielers und Regisseurs Achmed Abdel-Salam (Interview) in diese dunkle Tradition ein.
In einer Mischung aus heimischem Folk- Horror und Familiendrama erzählt Abdel-Salam von einer jungen Familie, die nach dem Tod des Großvaters dessen Häuschen auf dem Land geerbt hat. Während der Vater berufsbedingt bald wieder in die Stadt reist und den geplanten Verkauf des Hauses in die Wege leitet, bleiben die Mutter und ihre achtjährige Tochter für einige Tage auf dem Land. Bald zeigen sich Risse im Naturparadies: Die Mutter kämpft mit ihrer überwundenen Alkoholsucht, ominöse Funde auf dem Dachboden wecken verdrängte Erinnerungen und im Dorf kursieren düstere Gerüchte über den Selbstmord der Großmutter. Sind die Heimsuchungen real oder lediglich Ausdruck neurotischer Zwangsvorstellungen? Droht die Mutter ihr eigenes Kind zu gefährden? Und welche Rolle spielt das riesige Sonnenblumen-Feld, in dem sich die kleine Hanna gern versteckt?
Über eine lange Distanz gelingt es der Inszenierung, die Spannung in Schwebe zu halten. Authentische Erfahrungen des Regisseurs mit seiner eigenen alkoholkranken Mutter verorten den ländlichen Horror in der konkreten niederösterreichischen Realität. Banaler Alltag vom Supermarkt-Einkauf bis zum ländlichen Begräbnis kontrastiert wirkungsvoll zum inneren Chaos, das hinter der heilen Familienfassade aufzubrechen droht. Auch handwerklich merkt man dem Film die Sorgfalt an, die in diesen Erstling investiert wurde. Die Kamera arbeitet mit präzisen Bildausschnitten und gezielten Unschärfen, die Montage ist knapp und konzentriert, die Musikkulisse akzentuiert mit tiefen Streichern und knöchernen Klopfgeräuschen die Grundstimmung fast schon zu deutlich. Gespielt wird akzeptabel, wobei Lola Herbst als Achtjährige ihrer etwas sehr verkniffenen Film-Mutter Cornelia Ivancan fast die Show stiehlt. Heinz Trixner tritt in einer markanten Nebenrolle auf.
Nicht alles überzeugt hier gleichermaßen. Das Motiv der langen, gesichtsbedeckenden Haare kennt man aus japanischen Horrorfilmen, die einmontierten (Alp-)Traumsequenzen aus Hollywood, und die Auflösung geriet nach all dem kunstvollen Spannungsaufbau dann doch etwas banal. Dennoch ist Heimsuchung ein viel versprechendes Debüt, das auf weitere Arbeiten des Regisseurs neugierig macht.
