Joseph Gordon-Levitt im Gespräch über Selbstzweifel, Notlösungen und was wir alle von seiner neuen Serie Mr. Corman lernen können.
Das muss man erst mal schaffen: Mit kaum vierzig ist er bereits seit über 30 Jahren im Geschäft und strahlt heute noch wie am ersten Tag. Joseph Gordon-Levitt ist der «Sympathische» im amerikanischen Kino, stets gut gelaunt, umgänglich und nett – und immer eine sichere Wahl, wenn es darum geht, einen Film vielversprechend zu besetzen. Mit sechs stand er zum ersten Mal vor der Kamera, trat Ende der Achtziger zunächst vorrangig in Fernsehfilmen auf, spielte sich mit zunehmendem Erfolg durch die Neunziger, bis er mit seiner Rolle als außerirdischer Wissenschaftler Tommy Solomon in der Hit-Sitcom 3rd Rock from the Sun zum Teen-Star avancierte und schließlich über eine klug gewählte Mischung aus Independent-Filmen und Mainstream-Kino wie Inception, Lincoln, (500) Days of Summer, Looper, Snowden und The Dark Knight Rises auf der Leinwand erwachsen wurde.
Unlängst war er in Patrick Vollraths 7500 als Pilot im Einsatz und trat für Aaron Sorkin in The Trial of the Chicago 7 auf Klägerseite vor Gericht. Heute ist der gebürtige Kalifornier längst nicht mehr nur Schauspieler, sondern Regisseur, Unternehmer, Produzent, Musiker und Vater – und ist bei allem voll und ganz mit dem Herzen dabei. Dass er in Mr. Corman, seinem neuen Projekt für Apple TV+, jetzt als Lehrer auftritt, der sich und die Welt, in der er lebt, in Frage stellt, und dabei immer mehr in Angst und Panik gerät, ergibt deshalb nicht weniger Sinn. Joseph Gordon-Levitt spielt auch diese Figur, die obendrein auf einer Idee von ihm beruht und deren Geschichte vornehmlich aus seiner eigenen Feder stammt, mit derselben Hingabe und Überzeugungskraft wie alles, was er tut. Mr. Corman ist ihm auf dem Leib geschrieben und trotzdem bricht die Serie auf phantasievolle Weise immer wieder mit seinem Image ebenso wie mit der Realität, in der sie spielt.
Mr. Gordon-Levitt, Sie wirken selbst nicht wie jemand, der oft unter Selbstzweifeln leidet. Was verbirgt sich hinter der Idee zu „Mr.Corman“?
Joseph Gordon-Levitt: Es freut mich, dass ich Sie anscheinend so gut getäuscht habe. (Lacht.) In Wahrheit leide ich permanent an Selbstzweifeln. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt vieles, für das ich dankbar bin. Und das geht Josh Corman in der Serie nicht anders. Allerdings würden wir beide lügen, würden wir behaupten, dass wir zu jeder Zeit hundert Prozent glücklich sind. Mein Gehirn schaltet manchmal einfach auf Zweifel um, auf Unsicherheit oder auf Sorge. Nicht, weil ich auf einmal weniger Grund hätte, glücklich zu sein, sondern weil unser Gehirn eben so funktioniert, ob wir das wollen oder nicht. Ich sage mir dann oft, hör auf damit, was soll das jetzt. Aber es hilft nichts. Genau das passiert Josh auch. Und wie er diese Situation erlebt, das kann sehr ernst und beunruhigend sein, aber auch witzig, wenn man die Dinge mit einem gewissen Sinn für Humor betrachtet. Und um diese innere Verunsicherung, die sich so schwer greifen lässt, darum ging es mir. Das hat mich interessiert.
Vor acht Jahren haben Sie mit „Don Jon“ ein beeindruckendes Spielfilmdebüt als Regisseur gefeiert. Warum haben Sie sich diesmal für das Serienformat entschieden?
Joseph Gordon-Levitt: Mich haben in den letzten Jahren vor allem Serien inspiriert. Donald Glovers Atlanta oder Fleabag von und mit Phoebe Waller-Bridge sind meine absoluten Favoriten. Bei einer Serie kann man viel tiefer in eine Figur eindringen, allein weil man mehr Zeit hat. Und ich finde es toll, dass wir für Mr. Corman mehrere kürzere Episoden drehen konnten, eher als fünf oder sechs längere, weil wir dadurch unheimlich viele Facetten der Figur beleuchten und auch mal vom Hauptpfad der Handlung abweichen konnten, was bei einem Spielfilm in der Form niemals möglich gewesen wäre. Da herrschen andere Regeln. Beim Film muss man sich relativ streng an der Haupthandlung orientieren. Und das hat durchaus auch seinen Reiz. Aber das Leben funktioniert anders. Und es war mir wichtig, dass Mr. Corman sich mehr wie das wahre Leben anfühlt, mit all seinen Biegungen und Sackgassen.
Sie haben die Serie kreiert, das Drehbuch geschrieben, führen Regie, produzieren selbst und spielen die Hauptrolle. Worin liegen die Vorteile, wenn man alles selber macht?
Joseph Gordon-Levitt: Es stimmt natürlich, dass ich in allen Bereichen, die Sie angesprochen haben, die Verantwortung übernommen habe. Aber ohne die vielen wundervollen Kollaborateure, die mir zur Seite standen, hätte ich das Projekt niemals verwirklichen können. Vier andere Autoren waren dabei, und auch die Regie habe ich geteilt. Also ganz alleine war ich nicht. Aber wenn Sie mich konkret nach den Vorteilen fragen, würde ich sagen, dass das Multitasking einem gewisse Freiheiten gibt, die ich sehr schätze. Zum Beispiel kann ich bestimmte Prozesse abkürzen, in dem ich mir schon beim Schreiben überlege, was ich in einer Szene wie mit der Kamera mache. Oder wenn ich selber Regie führe und gleichzeitig spiele, kann ich an meiner eigenen Darstellung Dinge ändern, die mir nicht gefallen. Ich muss nicht unbedingt immer mit den anderen Schauspielern darüber reden. Wir können die Szene einfach noch einmal drehen, und sie werden auf meine Änderungen im Spiel reagieren. Besonders bei feinen, subtilen Korrekturen funktioniert das gut, denn die lassen sich oft sehr schwer erklären und man redet entweder alles kaputt oder aneinander vorbei. Aber wenn man mit so großartigen Leuten wie Debra Winger und Arturo Castro arbeitet, dann weiß man, dass sie auch ohne lange Gespräche auf das eingehen, was man ihnen in der jeweiligen Szene vorgibt.
Was genau haben Sie in der Zusammenarbeit mit Ihren Kollaborateuren gesucht? Was konnte sie beisteuern, das Ihnen allein entgangen wäre?
Joseph Gordon-Levitt: Unendlich viel. Ohne meine Ko-Autorinnen und –Autoren wären die Drehbücher nicht mal halb so gut geworden. Bruce Kaplan, der als Autor und Produzent dabei war, hat an Serien wie Seinfeld, Six Feet Under oder Girls gearbeitet. Er hat einen großartigen Humor, der die Serie in der Hinsicht extrem bereichert hat. Aber auch sein Verständnis für die Problematik, in der Josh feststeckt, der Stress, die Angst, in all das konnte sich Bruce sehr gut einfühlen. Er schrieb deshalb auch die zweite Episode, in der die Beklemmung in Josh plötzlich immer stärker wird und er Panik bekommt. Anderseits wollte ich unbedingt auch Frauen im Team haben. Denn es gibt ja relativ viele Frauenrollen in der Serie, und es war mir wichtig, auch bei den Figuren, die richtige Perspektive und eine Balance zu finden.
Wie so viele Produktionen im vergangenen Jahr wurden auch Sie von der Corona-Krise getroffen. Welche Auswirkungen hatte der Umzug von Los Angeles nach Neuseeland beispielsweise auf die Phantasie-Szenen, die zwischendurch immer wieder auftauchen und die Serie auf ihre Art besonders machen?
Joseph Gordon-Levitt: Ganz ehrlich, die Szenen sind mir mit die liebsten in der ganzen Show. Und Not macht ja erfinderisch, wie es so schön heißt. Diese Momente, die mit der Realität brechen, waren von vornherein ein wichtiger Teil des Konzepts. Auch die Musical-Szene mit Debra Winger stand schon immer im Drehbuch. Eigentlich wollten wir sie an der Tankstelle drehen, wo Josh und seine Mutter anhalten. Aber durch die Pandemie mussten wir umdenken und stattdessen mit Greenscreen arbeiten. Aber so schlimm fand ich das gar nicht, weil die Szenen jetzt vielleicht sogar noch mehr dem entsprechen, was wir damit erreichen wollten, nämlich die Vorstellung, in den Kopf eines Menschen hineinschauen zu können, zu sehen, was er denkt, was er fühlt. Und diese Gedanken und Emotionen sind ja ganz oft überlebensgroß, wenn man so will. Die lassen sich nicht wirklich mit Worten erklären. Natürlich hätten wir Josh und seine Mutter, die einander sehr lieben, aber Schwierigkeiten haben, das auszusprechen, in dem Moment auch sehr realistisch zeigen können, wie sie dastehen und seufzen und anschließend wieder ins Auto einsteigen. Aber ich finde, das Gefühl wird viel stärker vermittelt, in dem Moment, wo sie anfangen zu singen und auf dem Dach des Hauses, in dem Josh seine Kindheit verbracht hat, zu tanzen beginnen.
Ein unterschwelliges Gefühl der Angst und Beklemmung zieht sich wie ein roter Faden durch „Mr. Corman“. Repräsentiert werden die Emotionen durch ein ominöses Geräusch, einen merkwürdigen, penetranten Ton, der immer wieder auftaucht. Hatten Sie Bedenken, dass Sie die Zuschauer damit insgesamt vielleicht zu hart treffen könnten, dass Sie damit zu sehr an den innersten Gefühlen nagen würden?
Joseph Gordon-Levitt: Ja, die Überlegung gab es, ganz konkret sogar. Aber ich fordere mich in meiner Arbeit gerne heraus. Ich finde es spannend, wenn mich bestimmte Aufgaben an meine privaten Grenzen bringen. Ob in der Musik, beim Film oder jetzt mit der Serie. Das Faszinierende daran ist, dass die größten Anstrengungen, Bedenken und Hindernisse, egal wie gewaltig sie sind, die schönen Momente am Ende oft einfach nur noch wundervoller erscheinen lassen.
Wovor haben Sie persönlich am meisten Angst?
Joseph Gordon-Levitt: Oh, wow, das hat mich noch niemand so direkt gefragt. Meine größte Angst ist, dass sich die Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft selbst zerstört. Noch bin ich optimistisch. Und ich glaube wirklich, dass wir das Ruder noch herumreißen können. Aber es gibt auch starke Warnsignale, dass wir jetzt handeln müssen, wenn es nicht dazu kommen soll. Ein Blick auf die Nachrichten jeden Tag genügt, das ist alarmierend genug. Für Josh manifestiert sich diese Angst vor dem Untergang in einem Meteor, der auf die Erde zu stürzen und alles Leben auszulöschen droht. Ganz klar stehen die Chancen gering, dass es tatsächlich dazu kommt. Trotzdem gibt es berechtige Gründe zu der Vermutung, dass wir uns und unseren Planeten sehr bald zerstören, wenn wir nicht aufpassen und die Zeichen missachten, die uns die Natur zur Warnung schickt.
Wie schaffen Sie es, bei allem, was gerade um uns herum passiert, weiterhin so optimistisch zu bleiben?
Joseph Gordon-Levitt: Das hat viel mit meiner Familie zu tun. Ich habe unglaublich tolle Eltern, die mich immer unterstützt haben, in allem, was ich tue, und die mir stets den Rücken gestärkt haben. Und vielleicht ist das einer der größten Unterschiede zwischen mir und Josh. Er hat eine relativ gesunde Beziehung zu seiner Mutter, aber ein problematisches Verhältnis zu seinem Vater, der unter Drogenproblemen leidet. Nur können wir uns unsere Eltern nun einmal nicht aussuchen, und das ist ein weiteres Thema, dass mich in der Serie durchgängig beschäftigt hat: Welche Wahl haben wir? Was sind die Dinge, die wir in unserem Leben aktiv beeinflussen können, und worüber haben wir einfach keine Kontrolle? Ich denke, vieles, dass mich von Josh unterscheidet, läuft am Ende auf pures Glück hinaus.
In der ersten Szene fragt Josh seine Schüler, worauf Erfolg basiert, auf Glück oder harte Arbeit. Hat sich Ihre Einstellung, wie Sie für sich persönlich Erfolg bewerten, im Laufe der Arbeit an der Serie verändert?
Joseph Gordon-Levitt: Wie wir Erfolg definieren, hat immer viel damit zu tun, wie zufrieden wir mit dem sind, was wir tun. Und ich habe das Gefühl, unsere Gesellschaft ist zu sehr darauf erpicht, Erfolg lediglich in materialistischen Parametern zu messen. Wie viel Geld wir verdienen, oder wie viele Menschen uns auf Instagram folgen. Natürlich können solche Richtwerte auch hilfreich sein, das will ich gar nicht abstreiten. Aber sie führen meiner Meinung nach selten zum Glück. Die meisten Menschen, die ich kenne, die von sich behaupten können, dass sie glücklich sind, sind diejenigen mit einem starken Netz aus Familie, Freunden und einer Gemeinschaft, die sie trägt. Und wenn Josh die Kinder fragt, warum Lewis und Clark mit ihrer Expedition erfolgreich waren, und der Junge sagt, weil sie Glück hatten, dann ist da durchaus was Wahres dran. Erfolg, wie man es dreht und wendet, ist immer eine Mischung aus dem, was man selber darin investiert, und gewissen günstigen Umständen drumherum. Ich habe viel Glück gehabt in meinen Leben, und wie gesagt, es gibt unglaublich viel, für das ich dankbar bin in Bezug auf meine Arbeit und darüber hinaus. Und auch ich habe hart dafür gearbeitet. Aber Glück spielt trotzdem immer eine große Rolle und das darf man nicht vergessen. Allein deshalb schon sollten wir alle ein bisschen netter zueinander sein, uns gegenseitig unterstützen und zusammenarbeiten, anstatt immer gleich die Ellbogen auszufahren. Ich glaube, dann wären wir alle ein Stück weit glücklicher mit uns selbst in dieser Welt.
