DIE ROSENSCHLACHT / THE ROSES

The War of the Roses

Krieg und Frieden

| Pamela Jahn |
Ein Paar sieht rot: In der Neuverfilmung des bitterbösen Scheidungskomödien-Klassikers „The War of the Roses“ hat Olivia Colman als aufstrebende Starköchin die Oberhand in der Beziehung – und die besten Pointen.

Eigentlich wollen sich Ivy (Olivia Colman) und Theo (Benedict Cumberbatch) gar nicht streiten. Sie sind glücklich verheiratet, haben zwei tolle Kinder, ausreichend Geld auf dem Konto und ein Haus am Meer. Er ist ein erfolgreicher Architekt, sie eine begnadete Köchin, aufwendige Kuchen und Desserts sind ihre Spezialität. „Life is good“, könnte man meinen – bis Theo beim Bau eines Museumskomplexes aufgrund eines dramatischen Konstruktionsfehlers Job und Ansehen verliert.

Ivy dagegen hat Glück: Vor kurzem hatte ihr Theo ein kleines Restaurant geschenkt, in dem sie seitdem der einheimischen Kundschaft unter der Woche Krebsfleisch-Variationen serviert. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten kommt ihr Geschäft unerwartet in Schwung, als eine berühmte Restauranttesterin unfreiwillig bei ihr zu Gast ist und der Küche eine glänzende Bewertung gibt. Bald läuft der Laden so gut, dass sämtliche Tische für Monate im Voraus ausgebucht sind. Also geht Ivy auf Vollzeit und expandiert. Theo kümmert sich derweil um den Haushalt. So ist es abgemacht. Eigentlich.

Die ersten Risse in der Beziehung kommen zum Vorschein, als Ivy zur jetsettenden Gourmet-Geschäftsfrau aufsteigt, während Theo daheim Sohn und Tochter mit einem rigorosen Fitnesstraining zu sportlichen Höchstleistungen antreibt. Für seine Genuss liebende Ehefrau geht er dabei um einiges zu weit. Ihr Mann allerdings hat für die Kritik an seinen Erziehungsmethoden wenig Verständnis; er spürt die Last eines Alltags auf seinem Schultern, der ihn kreativ unterfordert. In der Hoffnung, seine unterschwellige Unzufriedenheit zu dämpfen, beauftragt Ivy ihren Gatten schließlich damit, ein neues Traumhaus für die Familie zu bauen. Aber weil Theos Visionen selbst das großzügige Budget übersteigen, das sie veranschlagt hat, eskalieren die Spannungen langsam weiter. Da hilft auch keine Paartherapie mehr. „Ich glaube eigentlich nicht, dass Sie in der Lage sind, Ihre Probleme zu lösen“, lautet die resignierte Erkenntnis der Psychologin. Da ist es schon wieder, das kleine Wort: Eigentlich.

 

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ZERFALLSERSCHEINUNGEN

The Roses unter der Regie von Jay Roach ist mehr Küchenschlacht als Scheidungskrieg. Das Drehbuch von Tony McNamara versucht die Romanvorlage von Warren Adler möglichst unanstößig in die Gegenwart zu übertragen: Statt Feindschaft und Gehässigkeit setzt der Autor auf Gendergerechtigkeit und eine vertrackte Komplizenschaft zwischen Ivy und Theo, die zunächst jedem Konflikt, jedem Streit, jeder noch so bitteren Enttäuschung über den Partner Stand zu halten scheint. Für seinen Neuansatz hat McNamara einige wesentliche Änderungen am Handlungsgerüst des literarischen Originals vorgenommen: Im Roman ist es ein vermeintlicher Herzinfarkt ihres Mannes Jonathan, der die Chefköchin Barbara zu der Erkenntnis bringt, dass sie ihn nicht mehr liebt. Als sie ihm die fehlenden Gefühle und ihren Scheidungswunsch gesteht, steigern Anwälte, Besitzansprüche und jede Menge verletzter Stolz auf beiden Seiten die Auseinandersetzung bald in ein brutales Ego-Spiel.

Ähnlich bösartig fiel 1989 Danny DeVitos erste Kinoadaption aus. In den Hauptrollen besetzte er mit Michael Douglas und Kathleen Turner eines der beliebtesten Leinwandpaare jener Zeit. Das Publikum hatte die beiden zuvor in Abenteuerkomödien wie Romancing the Stone (Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten) oder der Fortsetzung The Jewel of the Nile (Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil) bereits ungeniert miteinander streiten gesehen. Doch The War of the Roseswar ein anderes Kaliber. Der Film übernahm nicht nur den Titel des Romans, sondern insbesondere den rabiaten, überbordend zynischen Ton. Zwar tut auch in DeVitos hitziger Beziehungstragödie das einst intakte Ehepaar alles, um glücklich zu sein. Der Wille ist da, aber das hilft nicht. Je älter, schwerer und unverschämter ihre beiden Kinder werden, desto mehr erstickt ihre Liebe in Langeweile. Erst ist es nur die nervige Art, wie der Partner lacht, oder das endlose Schnarchen in der Nacht, das stört. Aber irgendwann werden aus den kleinen Ticks und Irritationen existenzielle Probleme, die sich nicht länger mit einem falschen Lächeln überspielen lassen. Und plötzlich ist der Weg zum Scheidungsanwalt nicht mehr weit.

Es ist die grausame Ironie so vieler echter Trennungen, und auch The Roses schwelgt darin, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Doch während ihr schönes, neues, exorbitant luxuriöses Haus zum Schlachtfeld wird, gönnt McNamaras Horror-Beziehungs-Szenario Ivy und Theo immer wieder kleine Verschnaufpausen und Versöhnungsansätze. Noch ist bei diesem modernen, aufgeschlossenen Paar nicht alle Hoffnung verloren, so die Devise. Ebenso wenig will Roach seine Figuren kampflos ihrem Schicksal überlassen. Zwar lässt er sich beim schadenfreudigen Kräftemessen seiner Protagonisten manchmal zu allzu simplen Show-Effekten hinreißen. Aber wenn es hart auf hart kommt, wird auch sein Herz weich. Dann siegt die Liebe über die Wut, den Wahn und jede noch so tief verletzte Eitelkeit. Zumindest für den Hauch eines Augenblicks.

STAR CRASH

Vielleicht ist die größte Hürde, die Roach dem Publikum in den Weg legt, seine Besetzung. Colman und Cumberbatch sind jeder für sich britische Schauspiel-Royalty, nur die Romanze nimmt man ihnen schwer ab. Sie sind kein auf den ersten Blick füreinander bestimmtes Ehepaar, sie bilden keine Einheit, sondern wirken eher wie zwei Kinokassen-Erfolgsgaranten, die sich allein aufgrund ihres Promi-Appeals anziehen. Deshalb fragt man sich gleich zu Beginn: Wie soll das funktionieren? Dass es doch klappt, ist insbesondere Colman zu verdanken. Zum einen, weil McNamara ihr die bissigsten Pointen beschert, die in den besten Szenen ähnlich treffsicher platziert sind wie in seinen Dialogen für Emma Stone in Poor Things. Zum anderen, weil Colman das perfekte Timing einer Komödiantin wie aus dem Effeff beherrscht.

1974 im ostenglischen Norwich als Tochter einer Krankenschwester und eines Immobiliengutachters geboren, absolvierte sie ihr Studium zunächst an der Bristol Old Vic Theatre School, bevor sie nach London aufbrach, um ihr Talent auf den Bühnen im West End auf die Probe zu stellen. Doch bereits am Anfang ihrer Karriere war sie überwiegend in Kult-Sitcoms wie Peep Show, Rev oder The Green Wing zu sehen, später triumphierte sie an der Seite von Phoebe Waller-Bridge in Fleabag als deren neurotische Stiefmutter. Immer spielte sie Frauen, die unter der Sinnlosigkeit der Männer um sie herum litten. Immer zog sie alle Register des Humors, von schrill bis zart, von zuckersüß bis bitterscharf.

Die ernsten Rollen kamen erst nach und nach, aber sie kamen, wie ihr kleiner, aber bleibender Auftritt als Tochter von Margaret Thatcher in The Iron Lady (2011) oder, noch im selben Jahr, als gebrochene Ehefrau in dem düsteren Missbrauchsdrama Tyrannosaur. Einer der ersten, der Colmans sagenhafte Wandlungsfähigkeit entdeckte, war Yorgos Lanthimos, in dessen absurden Komödien The Lobster (2015) und The Favourite (2018) sie sekundenschnell sämtliche Gefühlsschwankungen von himmelhoch-jauchzend bis zu Tode betrübt abzurufen verstand. Für ihre Darstellung der Queen Anne in The Favourite erhielt sie schließlich den ersten Oscar, auch für ihre beeindruckende Leistung in Florian Zellers The Father hätte sie eine gleichwertige Würdigung verdient.

Dass Colman mühelos die Klaviatur des Humors wie der Gefühle beherrscht, verschafft ihr in The Roses rein spieltechnisch einen Vorteil, den Cumberbatch, egal wie sehr er sich ins Zeug legt, weder in den friedlichen noch in den kriegerischen Perioden des Beziehungslebens zwischen Ivy und Theo aufzuholen vermag. Dabei hat man auch ihn bisher selten so herrlich schlagfertig und wortgewandt erlebt wie in der Rolle des gebeutelten Ehemanns, der erst seine Ehre, dann seine Ehe und am Ende der Schlacht wenigstens das letzte bisschen Würde zu retten versucht, das ihm noch geblieben ist. Colman aber versteht es einfach zu gut, cool und gelassen zu kontern. Ihre Ivy muss immer das letzte Wort haben, egal, ob sie Recht hat oder nicht. Manchmal legt sie dabei ein erschreckendes Maß an Giftigkeit an den Tag, das konträr zu Colmans charmanter privater Persönlichkeit steht. Umso mehr Freude hat sie daran, vor der Kamera mit Gemeinheiten und Tortenfetzen um sich zu schmeißen. Die ihrer Figur eigenen selbstgefälligen Nonchalance setzt dem ganzen Gezeter die Krone auf.

Dennoch gibt es sie, die Momente, in denen Colman und Cumberbatch wunderbar miteinander harmonieren. In jenen Szenen wird verständlich, warum in der Neuauflage diesmal unbedingt ein britisches Star-Duo im Mittelpunkt steht. Zwar sind Ivy und Theo kurz nach ihrer ersten Begegnung (inklusive des ersten Sex) spontan von London an die amerikanische Westküste gezogen, um sich dort ihre eigenen und gemeinsamen Träume zu erfüllen. Doch selbst nach zehn Jahren in den USA hat das Paar noch immer sichtlich Mühe, mit den Freunden vor Ort wirklich warm zu werden. Zumal die lieber gemeinsam auf dem Schießstand rumballern als sich gepflegt zum Cricket oder Golfen zu verabreden. Von dem offensichtlichen Mangel an Verständnis für den feinen britischen Humor einmal ganz abgesehen. Abgründig und hinterhältig kann er sein, kann er sein, der Witz der Engländer – und er ist es auch hier. Ihre feine Art, über sich selbst lachen zu können, ist zeitlos; sie baut auf traditionellen Konventionen und unausgesprochenen Verhaltensregeln, die bestimmen, wie man sein muss, um wirklich als „britisch“ durchzugehen.

In The Roses hat Drehbuchautor McNamara jenes Grundprinzip des schwarzen Humors übernommen, Colman und Cumberbatch haben es verinnerlicht. Und so fühlt man sich unterhalten, auch wenn die beißende Schärfe des Originals bei nochmaligem Aufwärmen etwas verloren gegangen ist. Geblieben sind die Stereotype, die der Autor den Figuren in den Mund gelegt hat, weil sie zum hämischen Wiedererkennen reizen: da die unerfüllte Ehefrau, die es wagtauszubrechen; dort der Göttergatte mit ordentlich angekratztem Ego. Es hat etwas seltsam Befriedigendes, den mutmaßlichen Untergang selbst dieses modernen, aufgeschlossenen Paares mitzuerleben. Denn manche Dinge ändern sich eben nie. So verhalten sich auch Ivy und Theo im Grunde wie zwei bockige Kinder, ihre hartnäckige Weigerung, einander zu vergeben und allen Ärger zu vergessen ist albern, unvernünftig und zutiefst menschlich. Dabei lieben sie sich doch, damals wie heute. Innig sogar, sehr innig sogar. Eigentlich.