Yorgos Lanthimos’ „Bugonia“ ist das Remake eines über zwanzig Jahre alten Films aus Südkorea – und passt thematisch doch in die Gegenwart.
Zuletzt schien die Produktivität von Yorgos Lanthimos keine Grenzen zu kennen: Vergingen früher durchschnittlich zwei Jahre zwischen seinen abendfüllenden Regiearbeiten, so veröffentlichte er seit 2023 jährlich einen Spielfilm – und fand wie nebenbei auch noch Zeit für Kurzfilme und Musikvideos (letztere Genres bespielt Lanthimos bereits seit den neunziger Jahren). Seinen von der Kritik oftmals als verstörend bezeichneten Inhalten, die mit extraschwarzem Humor aufgepeppt sind, blieb er aber auch in stressigen Zeiten konsequent treu. Obwohl er Grieche ist, scheint er nicht immer an klassischer Katharsis interessiert zu sein. Die Dinge zur Kenntlichkeit zu entstellen, dafür zu sorgen, dass dem Zuseher das Lachen im Hals steckenbleibt – so könnte man die künstlerische Strategie Lanthimos’ vielleicht umschreiben.
Teils wird in seinen Filmen eine von der Kamera relativ realistisch eingefangene Welt mit kafkaesk-surrealen Inhalten kontrastiert (etwa in The Lobster), in anderen (The Favourite, Poor Things) gesellt sich eine ausgefallen-manierierte Bildsprache dazu. Die Schauspieler legen sich stets mächtig für ihren Regisseur ins Zeug; reduziertes Spiel kann dabei schnell ins bewusst Überdrehte und Gekünstelte übergehen. Thematisch begegnen einander menschliche Abgründe und gesellschaftliche Brennpunkte bzw. Konventionen: Machtdynamiken, vereinsamte Individuen, Opfer diverser Güteklassen und Kritik am Kapitalismus geben sich quasi die Klinke in die Hand.
Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserer Printausgabe 11/25.
Als Teil der „Greek New Wave“ erlangte Lanthimos mit Dogtooth (2009, Nominierung für den Auslandsoscar) internationale Bekanntheit, ein Film, der von drei Jugendlichen erzählt, die von ihren Eltern vollkommen isoliert aufgezogen werden. Ein wirklicher Durchbruch war der schon erwähnte The Lobster (2015) – eine kafkaeske Dystopie, die von Beziehungszwang erzählt. Obwohl es durchaus Raum für Ambivalenzen und das Geheimnisvolle in seinen Arbeiten gibt, bevorzugt Lanthimos den breiten Pinselstrich gegenüber dem zarten Pinselchen: In The Killing of a Sacred Deer (2017) verbirgt er den Holzhammer gar nicht – und lässt einen der Protagonisten sogar aussprechen, dass es sich um eine Metapher handelt. Standesgemäß basiert die Geschichte um Rache, Schuld und Sühne auf dem Iphigenie-Mythos.
Im Historienfilm The Favourite (2018) – ein Werk, bei dem Lanthimos erstmals nicht selbst am Skript mitschrieb – hielt der Regisseur sich gar nicht mehr zurück: In der aus weiblicher Sicht erzählten Machtsatire trifft stilisiertes Schauspiel (Oscar für Olivia Colman als Queen Anne) auf ausgefallene visuelle Kompositionen, die unter anderem von Fischauge- und Weitwinkel-Kameras eingefangen wurden. Die Kritik war Lanthimos stets wohlgesinnt und auch die Oscar-Akademie ließ sich mit bislang fünf Nominierungen für ihn selbst (in den Kategorien Drehbuch, Regie und Produktion) nicht lumpen. Schaut man dem Volk aufs Maul, so scheint Lanthimos doch eher zu spalten: Auf dem vielgenutzten Online-Portal IMDB liegen die Bewertungen seiner Filme zumeist unter den Hymnen der Kritiker – nicht verwunderlich bei seinem Stil und seinen Inhalten. Wer weiß, vielleicht freut Lanthimos dieser Umstand sogar: Zu bequem will er es sich und dem Kinopublikum ja offensichtlich gar nicht machen.
Opfer, Täter, BIENEN, ALIENS
Nun hat Lanthimos also sein erstes Remake gedreht. Das Original Save the Green Planet! (2003, R: Jang Joon-hwan) stammt dabei aus einem Land, das seit geraumer Zeit mit kreativem filmischem Output beeindruckt: Südkorea. Von Klassenunterschieden, Ausbeutung und gesellschaftlichen Spannungen wird dort nicht, wie in Europa mittlerweile oft üblich, mit drögem Realismus und ausgestelltem sozialem Anspruch erzählt, sondern mit Witz und Genreliebe. Mal werden die erwähnten Themen recht deutlich angesprochen (siehe Bong Joon-hos Oscargewinner Parasite, 2019), mal kommen sie sehr subtil daher (Lee Chang-dongs Meisterwerk Burning verpflanzte eine Murakami-Vorlage aus Japan nach Südkorea). Save the Green Planet!, der um eine Entführung kreist (und von der Stephen-King-Adaption Misery inspiriert wurde), ist ein Film, der den Betrachter in ein Wechselbad der Gefühle stürzt: Humor wird von Heftigkeit abgelöst – und umgekehrt. In die Story hinein spielen Klassenunterschiede, Umweltzerstörung und Verschwörungstheorien – man kann sich also vorstellen, warum Lanthimos sich vom Original angesprochen fühlte.
Kommen wir also zu Bugonia, dessen Geschehnisse in die USA verpflanzt wurden: Teddy (Jesse Plemons) und sein Cousin Don (Aidan Delbis), die ziemlich prekär in einem Haus am Land leben (und sich eher selten zu waschen scheinen), planen die Entführung von Michelle Fuller, die als CEO des großen Pharmaunternehmens Auxolith so effizient wie eiskalt agiert: Knallharte Entscheidungen werden mit oberflächlicher Freundlichkeit, vorgeblichem Diversity-Management und ihrer Rolle als „starker“ Frau in der Businesswelt verschleiert. Sie arbeitet diszipliniert, tut alles, um den Alterungsprozess aufzuschieben und betreibt Kampfsport. Letzteres bereitet Teddy (dem eigentlichen Kopf des Unternehmens) und Don bei der Entführung tatsächlich Schwierigkeiten, doch schließlich gelingt das Unternehmen. Im Keller, wo ein Verlies samt Ketten eingerichtet wurde, klärt Teddy – der sich sein karges Gehalt in einem Auxolith-Versandlager verdient – Michelle über seine Absichten auf: Er habe mittels Internetrecherche herausgefunden, dass sie, Michelle, ein Alien sei; die langen Haare habe man ihr abgeschoren, damit sie keine „Signale“ ins All schicken könne.
Michelles Rasse, so Teddy weiter, sei für die Ausbeutung des Planeten und den drohenden Untergang von Natur und Zivilisation verantwortlich – man sehe das, so der Hobby-Imker, unter anderem am Aussterben der Bienenvölker. Seine Forderung: Michelle soll ihr Mutterschiff rufen, damit er an Bord gehen und Verhandlungen über das Schicksal der Erde aufnehmen kann. Deadline: die Mondfinsternis in drei Tagen. Da die strategisch geschickte und willensstarke Michelle aber nicht unbedingt gefügig ist, schreckt Teddy auch vor immer drastischerer Folter nicht zurück …
Es gibt genügend relevante Themen, die der bei den Filmfestspielen von Venedig für den Goldenen Löwen nominierte Film anspricht: Verschwörungstheorien, Medienskepsis, Fake News, der Nachhall von COVID, Pharma und Big Tech, Klassenunterschiede. Doch schnell wird auch klar, dass Teddy nicht nur „altruistische“ Gründe für sein Handeln hat, sondern ein Vorfall in seiner Familiengeschichte ebenfalls in seine Taten hineinspielt. Taten, für die er sich ein ausgeklügeltes Weltbild – einen „big plan“ – zusammengezimmert hat. Ambivalente Opfer-Thematiken hat Lanthimos schon ein paarmal verarbeitet, hier gibt es einige Variationen: Einerseits ist Teddy, in dem ein großer innerer Zorn schlummert, ein in mehrerlei Hinsicht schwer traumatisierter Mensch (eine weitere Opfer-Ebene ist seine gemeinsame Vergangenheit mit einem örtlichen Polizisten), andererseits wird Michelle, deren Firma war vor Jahren in einen folgenschweren Skandal verwickelt war, der Menschenleben kostete, gnadenlos gefoltert. Und auch der geistig unterentwickelte Don wird von Teddy konstant manipuliert und für seine Zwecke eingesetzt.
Es ist der Film von Stone und Plemons: Beide liefern Leistungen ab, deren Intensität sich im Lauf der Handlung immer weiter steigert. Während bei Plemons eher das realistische Spiel im Zentrum steht, darf Stone immer wieder manieristische Akzente setzen (die anderen vorkommenden Charaktere, das muss man so konstatieren, sind eher vernachlässigbar). Es sind fordernde Hauptrollen, und sowohl Stone als auch Plemons tauchen furchtlos in Abgründe hinab.
Über das Kammerspiel (Lanthimos-Stammkameramann Robbie Ryan sorgt trotz Reduziertheit für unaufdringliches visuelles Flair) und die gesellschaftsspaltenden Themen hinaus werden schließlich noch größere Dinge angesprochen: Letztendlich steht die gesamte Menschheit am Pranger.
In einer der besten Szenen sind Teddys Bienen der Anlass für ein Streitgespräch über Selbstlosigkeit versus kapitalistische Ausbeutung – und ein Motiv, das sich indirekt schon im Titel findet: Das Wort „Bugonia“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Ochsengeburt“. Gemeint ist damit der in der Antike teils verbreitete Glaube (frühe Fake News?) an die Urzeugung, wonach aus Ochsenkadavern beispielsweise Bienen entstehen.
Wenn der Film den Keller bzw. das Haus verlässt, tut er dies, um etwa die prekäre Arbeitssituation Teddys zu zeigen – oder um in poetisch-stilisierten Schwarzweiß-Rückblenden dessen tragische Familiengeschichte aufzurollen. Um die Dynamik zu halten bzw. zu steigern, lässt das von Will Tracy verfasste Drehbuch Stone mit scharfem manipulativem Verstand auf die Entführer reagieren und die Machtverhältnisse sowohl physisch als auch psychologisch immer wieder etwas schwanken. Auch der schwarze Lanthimos-Humor ist vorhanden – beispielsweise könnte man bei der nicht ohne Pannen vor sich gehenden Entführung ein wenig an Fargo (1996) denken, dazu kommt der markante Einsatz von Musik, den man aus den Werken des Griechen schon gewohnt ist.
In seinen besten Momenten – etwa wenn Teddys ausgeklügeltes Weltbild frontal auf Michelles Pragmatismus prallt, wenn die Wut des gesellschaftlichen „Losers“ sich mit der Kälte des „Winners“ misst – erzählt der Film etwas von der Zerrissenheit der modernen Welt, sei es die reale oder die in Online-Foren ausgelagerte. Ebenfalls stark sind Momente, in denen es darum geht, sich in der Opferrolle einzurichten. Allerdings trägt der Film die Spannung nicht über seine gesamte Laufzeit, und die Ebene mit dem Polizeibeamten ist trotz ihrer Widerspiegelung der Opfer-Thematik nicht ganz so ergiebig. Kurz gesagt: Hier geht dem Film ein wenig der Atem aus.
Und das Ende von Bugonia, das mit der Identität einer der Figuren spielt, ist so eine Sache: Einerseits lässt es Raum für Ambiguität, andererseits ist der Twist nicht so clever, wie die Macher dies selbst vielleicht glauben. Als dann auch noch die Marlene-Dietrich-Version von Pete Seegers „Where Have All the Flowers Gone“ zu einer recht spezifischen Bilderfolge ertönt, wird endgültig der Holzhammer ausgepackt. Die einen werden diese breiten Lanthimos’schen Pinselstriche lieben, andere hätten sich wohl eher das feine Pinselchen gewünscht.
