Kolumne: Buttgereit

Totalausfälle

| Jörg Buttgereit |

Ich mag es nicht, Verrisse zu schreiben. Das ist anstrengend. Deshalb hat es auch einige Zeit gedauert, bis ich mich aufraffen konnte, über zwei Filme zu meckern, die mich nachhaltig verzweifeln ließen. Der erste ist Doctor Sleep. Braucht die Welt ein Sequel zu Stanley Kuricks The Shining? Die Welt sicher nicht. Aber wohl Stephen King. Der war 1980 mächtig angepisst von Kubricks allzu freier Filmadaption seines Romans The Shining. Die Verfilmung seiner Romanfortsetzung Doctor Sleep findet King jetzt hingegen gelungen. So steht es zumindest im Pressetext. Aber wer Kubricks Shining kennt, muss von Doctor Sleep empört sein. Regisseur Mike Flanagan ließ das unheimliche Overlook Hotel aus Kubricks Shining detailgetreu nachbauen, versucht die Struktur des Films zu kopieren, übernimmt ungeniert bekannte Kameraeinstellungen und die Musik aus dem Vorgänger. Er hat sogar einen Schauspieler gefunden, der es wagt, Jack Nicholson nachzuäffen. Doctor Sleep ist pure Blasphemie. Ein absurdes Zeugnis von Unfähigkeit und davon, wie unantastbar Kubricks Vision noch heute ist. Völlig traumatisiert bin ich nach dem Film nach Hause. Um meine Wunden zu lecken, habe ich die 1999 nach Kubricks Tod in Amerika erschienene DVD von The Shining aus dem Regal gekramt und den Film endlich nochmal geguckt. Nie hätte ich gedacht, dass ein Wiedersehen mich heute noch stärker als vor 40 Jahren beeindrucken würde. Kubrick hatte den ultimativen Horrorfilm im Sinn. Man hätte nach seinem Shining nie wieder einen Horrorfilm drehen müssen. Oder dürfen. Ich weiß, ich klinge wie ein ewig gestriger Filmkritiker, der sich im digitalen Kino nicht zurecht findet.

Weiter zum nächsten Totalausfall: Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn. Jokers sexy Freundin Harley ist derzeit die interessanteste Figur im DC-Comic-Universum. Ein gefährlicher Charakter voll feministischer Subversivität, der gerade in visionären Comicalben wie Batman: The Dark Prince Charming (von Enrico Marini) oder Harleen (von Stjepan Sejic) neu definiert und abgefeiert wird. Im Angesicht der mutigen, Oscar-prämierten filmischen Neuinterpretation vom Joker (durch Todd Phillips und Joaquin Phoenix) ist es eine Schande, wie fahrlässig ein kommerziell so aussichtsreiches Filmprojekt wie Birds of Prey in den Sand gesetzt wurde. Harley Quinn, DCs momentan angesagteste Comicfigur, dargestellt von Margot Robbie, eine der derzeit angesagtesten Schauspielerinnen Hollywoods, prügelt sich unmotiviert durch einen völlig belanglosen Krimiplot. Ihr Gegenspieler: Ewan McGregor. Moment!?! Der spielt doch auch die Hauptrolle in Doctor Sleep. Was ist bloß mit Ewan McGregor los? Wir wissen, der kann schauspielern. In diesen beiden filmischen Katastrophen wirkt McGregor jedoch seltsam farblos und unbeteiligt. Hat der zornige Geist von Stanley Kubrick den armen Ewan in einen seelenlosen Hollywood-Zombie verwandelt? Wie kann die Filmwelt Kubricks ruhelosen Geist wieder besänftigen? Mit Clockwork Orange 2 – Die Rache von Alex bestimmt nicht.