Die 76. Filmfestspiele in Venedig werden heute eröffnet
Jedes Filmfestival hat seine Lieblinge, seine Favoriten und seine wild cards. Nur selten jedoch fallen alle drei Kategorien zusammen. In diesem Jahr setzt Venedig mit Joker von The Hangover-Regisseur Todd Philips jedoch gewissermaßen alles auf eine Karte. Es ist der mit der größten Spannung erwartete Beitrag in diesem 76. Wettbewerb, in dem sich auch sonst keiner der ausgewählten Filme verstecken muss. Doch bis am Samstag die Pressevorführung gelaufen ist, gilt die etwas andere Comic-Verfilmung als der Fim, den man gesehen muss, wenn man sich derzeit am Lido aufhält.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Zum einen ist Venedig sonst nicht der Ort, auf dem Superhelden-Filme ihre Premiere feiern, doch Philips‘ Inszenierung um Freud und vor allem Leid von Batmans Erzfeind Nr. 1 verspricht eine düsterere, mutigere und mehr verkopfte Variation der Geschichte. Zum anderen wird Arthur Fleck von keinem geringerem als Joaquin Phoenix verkörpert, der seit längerem schon für gebrochene, zwiespältige und nicht selten überaus brutale Charaktere jeder Art prädestiniert scheint, und im Zusammenspiel mit Robert De Niro in der Rolle eines TV-Moderators hier nun einen erfolglosen Komiker und Außenseiter irgendwo zwischen Travis Bickle und Rupert Pupkin mimt, der sich im New York von 1981 dem Verbrechen zuwendet. Dass es Festivalchef Alberto Barbera gelungen ist, den Film vor seiner Toronto-Premiere in Venedig uraufzuführen, spricht dafür, dass das älteste Festival der Welt auch in diesem Jahr seine unlängst neu errungene Stellung als Oscar-Favoriten-Schauplatz alle Ehre machen will. Im letzten Jahr konnte man etwa mit The Favourite, A Star Is Born und Roma aufwarten, und auch heuer ist Joker nicht der einzige Titel mit hohem Award-Potenzial.
James Grays Sci-Fi-Drama Ad Astra – schon im September in den Kinos – ist ebenfalls im Rennen um den Goldenen Löwen und macht mit seiner Starbesetzung um Brad Pitt, Tommy Lee Jones und Donald Sutherland auch im Hinblick auf die nächste Oscar-Runde etwas her. Dazu kommen Steven Soderberghs Netflix-Thriller The Laundromat mit Meryl Streep, Gary Oldman, Antonio Banderas und Sharon Stone sowie Noah Baumbachs neuestes Beziehungsdrama Marriage Story, in dem Scarlett Johansson und Adam Driver versuchen, eine Familie zu retten, nachdem die Ehe, die sie begründet, längst gescheitert ist. Und apropos Netflix, auch Baumbachs Film wurde von dem Streaming-Anbieter produziert, womit man im Vergleich zu Cannes in Venedig keine Probleme hat. Das tut dem Wettbewerb gut und freut die Kritiker und Festivalbesucher.
Tatsächlich verspricht jedoch nicht nur der Anteil an prominenten Hollywood-Produktionen ein spannendes Festival. Bereits der Eröffnungsfilm, wenn auch als solcher eine mutige Wahl, kann sich sehen lassen. Ähnlich wie Asghar Farhadi mit Everybody Knows hat sich nun auch Kore-eda Hirokazu der Herausforderung gestellt, seinen ersten Film in einer fremden Sprache und fernab der japanischen Heimat zu drehen. The Truth, sagt Kore-eda selbst, sei das Ergebnis einer Kollaboration mit Menschen, mit Schauspielern, die mit ihm zusammenarbeiten wollten, und es ist eine Hommage an die Grande Dame des französischen Kinos, Catherine Deneuve, die in dem Drama neben Juliette Binoche und Ethan Hawke die Hauptrolle spielt. Weiters darf man sich auf die neuesten Arbeiten von Venedig-Routiniers wie Pablo Larraín (Ema), Atom Egoyan (Guest of Honour) und Olivier Assayas (Wasp Network) freuen, während auch die weniger bekannten Namen in der diesjährigen Auswahl wie etwa die saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour (The Perfect Candidate) und der Portugiese Tiago Guedes (The Domain) auf einen spannenden Wettbewerb hindeuten. Der unverwechselbare schwedische Auteur Roy Anderson ist mit seinem neuesten Werk About Endless vor Ort. Und apropos wild card: Ciro Guerras hat sich J.M. Coetzees Roman Waiting for the Barbarians vorgenommen und präsentiert nun seine Version mit Johnny Depp und Mark Rylance am Lido.
Und damit ist nur der Wettbewerb grob umrissen. Außer Konkurrenz wirft Benedict Andrews in Seberg einen Blick auf den Darling der französischen Nouvelle Vague, die von Kristen Stewart verkörpert wird. Auch Costa-Gavras präsentiert sein neuestes Werk Adults in the Room, sowie David Michôd, der ebenfalls mit Netflix und zudem mit Joel Edgerton kollaboriert hat, um seine Version der Geschichte von Henry V zu erzählen. Zudem bieten, wie immer in Venedig, auch die Nebenreihen ein qualitativ hochwertiges Programm. In der Sektion Orizzonti sei dabei vor allem auf Katrin Gebbes Pelikanblut verwiesen, in dem Nina Hoss eine Mutter spielt, deren jüngste Adoptiv-Tochter zu mehr als nur einem Problemfall wird. Auch Peter Mackie Burns, der unlängst mit seinem Spielfilmdebüt Daphne punkten konnte, beschäftigt sich in Rialto mit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern (in dem Fall Vater und Sohn), während der Installationskünstler und Maler Grear Patterson mit Giants Being Lonely, einem einfühlsamem Porträt über die Generation Z, sein Regiedebüt gibt.
Bei so viel Auswahl steht man wie zu Beginn jedes Festivals vor dem üblichen Dilemma, sich entscheiden zu müssen, für die Filme, die überhaupt in ein straffes Zehn-Tage-Programm passen. Und meistens wirft man jeden noch so gut ausgeklügelten Screening-Plan spätestens zur Halbzeit doch aus dem Fenster und lässt sich stattdessen leiten vom allgemeinen Buzz und den Empfehlungen anderer Kollegen und Filmfreunde. Das wird vermutlich auch in diesem 76. Jahrgang am Lido nicht anders sein. Aber die Vorfreude auf das, was kommt, ist groß, und die Gefahr, komplett enttäuscht zu werden, bei dem Aufgebot relativ gering.
