Asian-American Cinema

Yeoh, Cho, Oh und die anderen

| Andreas Ungerböck |
Anlässlich von „Everything Everywhere All At Once“: eine Bestandsaufnahme des unaufhaltsamen Aufstiegs asiatisch-amerikanischer Filmschaffender in den letzten Jahren.

Erinnert sich noch jemand an Jonathan Ke Quan? Nein? Ganz bestimmt. Ohne den aufgeweckten, damals 13-jährigen Jungen wäre Steven Spielbergs Abenteuerklassiker Indiana Jones and the Temple of Doom aus dem Jahr 1984 nur das halbe Vergnügen gewesen. 1971 in Saigon geboren, kam er als Kleinkind nach Amerika, ist also, wie das so schön heißt, Asian-American. Mit der Schauspielkarriere (1985 spielte er noch in Goonies) ging es nicht so recht voran, aber er wurde ein gefragter Stunt-Choreograf. Dann kamen zwei ausgesprochene Film-Nerds ins Spiel: Dan(iel) Kwan (Asian-American) und Daniel Scheinert, die zusammen als „Daniels“ Regie führen („Alone, Daniel Kwan has done nothing of value“, heißt es in Kwans eigener Kurzbiografie). 2016 sorgten die beiden mit Swiss Army Man für Aufsehen. Und nun spielt Jonathan Ke Quan die männliche Hauptrolle in ihrem aberwitzigen Martials-Arts-Multiverse-Action-Furioso Everything Everywhere All At Once, neben der unfassbar komischen Michelle Yeoh (Asian-Asian), der unfassbar komischen Jamie Lee Curtis, die sich weigerte, Make-Up zu tragen oder sich digital verjüngen oder verschlanken zu lassen, und neben dem legendären, heute 93-jährigen James Hong. Yeohs Rolle war ursprünglich für Jackie Chan geschrieben worden, aber es ist ein Glücksfall, dass es anders kam, und auch, dass die Daniels die Regie des neuen Thor-Abenteuers sausen ließen, um diesen irren Kracher zu machen. Worum geht es? Gar nicht so leicht zu sagen, denn es passiert sehr viel und das in rasendem Tempo. Die Basics: Das Leben der Waschsalon-Besitzerin Evelyn Wang ist ein einziges Chaos, wie wir es alle kennen. Unter anderem ist sie mit der Steuererklärung total im Verzug. Doch damit nicht genug. Während sie mit ihrer Familie am Finanzamt vorspricht, bricht ihr Leben völlig auseinander. Raum und Zeit lösen sich auf, und die Menschen um sie herum haben, ebenso wie sie selbst, plötzlich auch noch Leben in Parallelwelten. Sie stellt fest, dass das Multiversum real ist und sie auf die Fähigkeiten und das Leben ihrer anderen Versionen Zugriff hat. Den wird sie auch brauchen, denn sie wird mit einer gewaltigen Mission betraut: der Rettung der Welt vor dem unfassbar Bösen.

AUS DER VERSENKUNG
Everything Everywhere All At Once ist der aktuelle Höhepunkt einer erfreulichen Entwicklung der letzten Jahre, dass nämlich Asian-Americans – und auch kanadische umd britische Menschen mit asiatischen Wurzeln – im Film vermehrt sichtbar sind. Während die asiatischstämmige Bevölkerung rund sieben Prozent der US-Gesamtpopulation ausmacht, ging ihre Repräsentanz im populären Kino, egal ob vor oder hinter der Kamera, lange Zeit gegen Null. Wenn sie denn im Bild auftauchten, dann als rassistisch gezeichnete Klischeefiguren, als Opfer (wie der koreanische Ladenbesitzer Sonny in Spike Lees ansonsten ja recht verdienstvollem Do the Right Thing, 1989) oder als von Weißen gespielte Stereotypen, sogenannte yellowfaces. Beschämende Tiefpunkte gab es viele, etwa The Teahouse of the August Moon (1956, Marlon Brando als „Japaner“ Sakini) oder Breakfast at Tiffany’s (1961, Mickey Rooney als dümmlicher Mr. Yunioshi). Schon der gebürtige Schwede (!) Warner Oland ging in den dreißiger Jahren in zahlreichen Filmen als Detektiv Charlie Chan durch. Mit der heftigen Kontroverse um das schlichtweg idiotische Musical „Miss Saigon“, das 1989 Premiere feierte, und um seine Darsteller (Jonathan Pryce und Keith Burns spielten allen Ernstes mit Augenprothesen und künstlich gebräunt „Asiaten“) ging diese unrühmliche Ära, zumindest weitgehend, zu Ende. Auch die Darstellung asiatischer Frauen als sanft, geduldig und vor allem „willig“ sorgte zu Recht für Entrüstung.

Doch die filmische Emanzipation der Asian-Americans ging zäh voran. Wayne Wangs Schwarzweißfilm Chan Is Missing (1982) kann, zumindest im Arthouse-Bereich, als einer der ersten Meilensteine gelten. Wang spielte in dem Film bewusst mit dem Charlie-Chan-Topos, kehrte ihn aber um. Mira Nairs Mississippi Masala (1991) erzählte von der indischen Diaspora und brach Tabus. So weigert sich die Tochter einer Einwandererfamilie, gemäß dem Wunsch der Eltern in der indischen Community nach einem Mann zu suchen, sondern sie verliebt sich in einen (noch dazu) Schwarzen (Denzel Washington in einer seiner ersten größeren Rollen). The Joy Luck Club (1993), erneut von Wayne Wang, wurde mit fast durchwegs „asiatischem“ Cast ein veritabler Kassenerfolg; im selben Jahr gewann Ang Lee mit seiner interkulturellen, gegenüber Amy Tans Vorlage allerdings ziemlich „weichgezeichneten“ Komödie The Wedding Banquet (1993) den Goldenen Bären bei der Berlinale; der Film wurde sowohl für den Golden Globe als auch für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert – später erhielten Lees Arbeiten nicht weniger als zwölf Oscars, er selbst zweimal als bester Regisseur. Doch noch waren das Ausnahmen, übrigens auch in Großbritannien. Filme mit „asiatischen“ Themen wie Soursweet (1988, von Mike Newell nach einem Roman des britisch-chinesischen Schriftstellers Timothy Mo) oder My Son the Fanatic (1997) von Hanif Kureishi nach seiner eigenen Kurzgeschichte musste man auch dort mit der Lupe suchen.

Eher noch begab sich Hollywood (thematisch) nach Asien, gerne nach Vietnam, um das eigene nationale Trauma aufzuarbeiten. Vom hanebüchenen Asien-Kitsch der Fünfziger hatte man sich gottlob entfernt, aber wirklich zufriedenstellende Resultate waren auch später eher spärlich gesät. Für Richard Attenboroughs Gandhi (1983) und Roland Joffes Killing Fields (1985, über die Gräuel des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha) wurden immerhin zwei asiatischstämmige Schauspieler (Ben Kingsley, eigentlich Krishna Pandit Bhanji, bzw. Haing S. Ngor) mit Darsteller-Oscars ausgezeichnet. Fettnäpfchen ließ man weiterhin selten aus. So sprachen in der Disney-Zeichentrickversion des chinesischen Mythenklassikers Mulan (1998) zwar hauptsächlich Asiatinnen und Asiaten, ausgerechnet für die Rolle des chinesischen Kaisers jedoch engagierte man den japanischstämmigen Pat Morita. Umgekehrt ging das auch: Rob Marshalls Memoirs of a Geisha (2005) besetzte man mit den drei chinesischen Top-Schauspielerinnen Zhang Ziyi, Gong Li und Michelle Yeoh.

AUFSCHWUNG
Man spricht oft von der „Class of 1997“, wenn es um Asian-American-Filme neueren Zuschnitts geht. In diesem Jahr wurde eine bis dahin nicht gekannte Zahl von Filmen beim San Francisco Asian-American Film Festival uraufgeführt. Unter anderem war Justin Lins Shopping for Fangs dort zu sehen, eine wilde Low-Budget-Horror-Trash-Comedy mit nahezu ausschließlich asiatischstämmigem Cast. Aus dem Ensemble ragt John Cho, geboren in Seoul, heraus, der später zusammen mit dem indischstämmigen Kal Penn in der höchst erfolgreichen Comedy-Trilogie um Harold and Kumar (2004–2011) spielte, die clever und witzig rassistische und sonstige Stereotype aufs Korn nahm. Allein der Titel Harold & Kumar Escape from Guantanamo Bay (2008) spricht Bände. Kal Penn – das ist eine ganz andere Geschichte – wurde in der Zeit der Obama-Administration ein höherer Beamter im Weißen Haus, ehe er sich wieder dem Schauspiel zuwandte. Justin Lin, der Regisseur von Shopping for Fangs, schlug eine kommerziell höchst erfolgreiche Karriere ein, die mit The Fast and the Furious: Tokyo Drift (2006) begann und ihn zumindest bis 2024 beschäftigt – wenn der zweite Teil der zehnten Folge der Franchise fertiggestellt werden soll. 2016 drehte er auch noch Star Trek Beyond, wo er erneut mit seinem alten Kumpel John Cho zusammentraf.

Erfolgsgeschichten wie diese häufen sich – endlich. James Wan, aus Malaysia stammender Australier, dominiert das kommerzielle Horror-Genre mit diversen Saw-, Insidious- und Conjuring-Abenteuern. Furious 7 durfte nicht fehlen, und mit Aquaman (2018) und dessen 2023 anstehendem Sequel hat er sich auch im Superhelden-Genre bestens etabliert. Stichwort Superhelden: Mit dem begehrlichen Schielen auf den asiatischen, speziell den chinesischen Markt und natürlich mit dem wachsenden Einfluss Chinas auf Hollywood (Buchtipp: Erich Schwartzel, „Red Carpet: Hollywood, China, and the Global Battle for Cultural Supremacy“, 2022) gibt es vermehrt asiatisch(-amerikanisch)e Protagonisten, wie im schwungvollen und erfolgreichen Marvel-Abenteuer Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021). Regie führte Destin Daniel Cretton, dessen Mutter Japanese-American ist, vor der Kamera agierten fast ausschließlich Menschen asiatischer Herkunft, allen voran der kanadische Martial-Artist Simu Liu. Welch eine Ironie, dass ausgerechnet Lius angeblich negative Kommentare über die Volksrepublik China einen Start auf dem großen Hoffnungsmarkt bislang immer noch „unwahrscheinlich“ erscheinen lassen. Neben Veteranen und -innen wie Ben Kingsley und Michelle Yeoh sowie dem Hongkong-Superstar Tony Leung Chiu-wai sind unter anderem Benedict Wong (chinesisch-britisch, bekannt aus Doctor Strange) und die ungemein beliebte Awkwafina zu sehen.

ASIATINNEN
Ja, man kann über Asian-American Cinema nicht sprechen, ohne die erfolgreichen Frauen ins rechte Licht zu rücken. Ganz prominent zu nennen ist die koreanischstämmige Kanadierin Sandra Oh, bekannt geworden in der Endlosserie Grey’s Anatomy und inzwischen mit Serien wie der (zwei Staffeln lang) aufregenden Killing Eve und Invincible an die Spitze vorgerückt. Oder Hong Chau, geboren in Thailand, die in exquisiten Serien wie Big Little Lies, Homecoming oder Watchmen glänzte. Oder Regisseurin Chloé Zhao aus Beijing, die 2020 mit Nomadland und Frances McDormand in der Hauptrolle einen der überragenden Filme des Jahres drehte und dafür zwei Oscars (Bester Film und Beste Regie) erhielt. 2021 drehte sie mit Eternals einen der zumindest originelleren Marvel-Filme. In dessen Hauptrolle wiederum war Gemma Chan (Hong-Kong-britisch) zu sehen, auch eine der Protagonistinnen in dem großen Kassenerfolg Crazy Rich Asians (2018). Dessen Regisseur John M. Chu hatte sich deklariertermaßen zum Ziel gesetzt, Asian-Americans „sichtbarer“ zu machen, was ihm mit dieser fulminanten Komödie auch gelang. Crazy Rich Asians dominierte, ein absolutes Novum, längere Zeit die Kinokassen und spielte allein in den USA sensationelle 175 Millionen Dollar ein – bei Produktionskosten von rund 30 Millionen. Außer zwei Golden-Globe-Nominierungen gab es keine größeren Ehren, aber immerhin den Teen Choice Award. Constance Wu, die bis dahin vor allem in TV-Serien gespielt hatte, bot in Crazy Rich Asians in der Hauptrolle der Rachel eine grandiose Leistung.

Und man muss über Awkwafina (geboren als Nora Lum, mit Vorfahren aus Korea und China) sprechen – sie spielte nicht nur in Crazy Rich Asians, sondern gleich darauf auch in Lulu Wangs bittersüßer Komödie The Farewell (2019), für den sie mit Preisen überhäuft wurde: Eine chinesisch-amerikanische Familie mit Tochter Billi begibt sich zur Oma nach China, weil diese angeblich eine tödliche Krebserkrankung hat (von der sie allerdings nichts weiß). Im Zuge der turbulenten Handlung kommen die „Americans“ darauf, wie (unterschiedlich) weit sie sich von ihren chinesischen Wurzeln entfernt haben. Regisseurin Wang, selbst aus Beijing, gewann für den Film ebenfalls mehrere Preise und arbeitet derzeit mit Nicole Kidman an der Amazon-Serie Expats nach einem Roman der aus Hongkong stammenden US-Schriftstellerin Janice YK Lee. The Farewell war nach Crazy Rich Asians der zweite kommerzielle Haupttreffer des Asian-American Cinema der letzten Jahre. Und dann ist da noch Domee Shi, Asian-Canadian, die 2019 für Bao in der Kategorie Bester animierter Kurzfilm mit dem Oscar ausgezeichnet wurde und zuletzt den Pixar-Disney-Animations-Hit Turning Red (mit fast ausschließlich „asiatischem“ Voice Cast) drehte.

Crazy Rich Asians bot aber auch drei führende männliche Asian-American Comedians auf: Jimmy O. Yang, Ronny Chieng und Ken Jeong. Wie lustig der koreanischstämmige Jeong sein kann, hatte er schon in der Serie Community (2009) und in Todd Phillips‘ legendärer Hangover-Trilogie bewiesen. Jimmy O. Yang überzeugte in der Sitcom Silicon Valley, aber auch in der noch laufenden Netflix-Komödienserie Space Force als liebenswert-nerdiger Wissenschaftler. Daneben ist Yang auch ein begnadeter Stand-up-Comedian. In seinen Shows nimmt er vor allem die wechselseitigen Vorurteile zwischen amerikanischen und asiatischen Menschen aufs Korn – wie im übrigen auch Kollege Ronny Chieng, chinesischer Malaie und studierter Jurist. Stichwort Komiker: Nicht vergessen darf man Kumail Nanjiani, der in Pakistan geboren wurde, wie Jimmy O. Yang in Silicon Valley mitspielte und 2017 mit dem Amazon-Film The Big Sick einen Hit landete. Der Film beschreibt einfühlsam und komisch die Beziehung zwischen einem pakistanischen Comedian und einer weißen Studentin, eine Beziehung, die viele Schwierigkeiten in sich birgt, vor allem, als Emily (Zoe Kazan) schwer krank wird. Der Kick an der Sache ist, dass dies die reale (Liebes-)Geschichte Nanjianis und seiner Frau Emily V. Gordon ist. Zusammen schrieben sie auch das Drehbuch, das im Jahr darauf für einen Oscar nominiert wurde.

Apropos Oscars: Der Überraschungserfolg 2021 war der schöne Film Minari des koreanischstämmigen Lee Isaac Chung, der für nicht weniger als sechs Preise nominiert war. Letztlich erhielt „nur“ Yoon Yeo-jeong den Oscar als Beste Nebendarstellerin, der Film war dennoch ein Triumph. Chung erzählt quasi 1:1 die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im ländlichen Arkansas. Mit Steven Yeun, der im Film Chungs Vater spielt, gilt es, einen weiteren herausragenden Asian-American-Schauspieler zu nennen, der sowohl in den USA (etwa in der Serie The Walking Dead) als auch in Korea (in Lee Chang-dongs Burning) Großes geleistet hat. In der Zeichentrick-Serie Invincible ist er, ebenso wie Kollegin Sandra Oh, als Stimme zu hören.

Kehren wir noch einmal zu Crazy Rich Asians und zu Jonathan Ke Quan zurück: Als er den Film gesehen habe, offenbarte der Schauspieler der Branchen-Website indiewire.com, habe er das Gefühl gehabt, er müsse zurück auf die Leinwand, aus „FOMO“ („Fear of missing out“). Gesagt und in Everything Everywhere All At Once getan. Womit wir wieder beim Anfang angelangt wären.