Von 1. bis 5. März findet der erste Teil der 71. Berlinale ausschließlich für das Fachpublikum hinter virtuellen Türen statt. Ein Publikumsfestival ist von 9. bis 20. Juni geplant – live vor Ort, hoffentlich.
Man kann ich es sich fast gar nicht mehr vorstellen. Stars, die sich auf dem roten Teppich tummeln, volle Kinos mit dicht gedrängten Schlangen davor – und das alles ganz ohne Maske. Das war die Berlinale 2020. Kurz darauf stand die Welt Kopf, dann eine ganze Weile still, und wirklich in Gang gekommen ist sie bis heute nicht wieder. Deshalb findet die Berlinale heuer ebenfalls als Hybrid-Veranstaltung in zwei Teilen statt, mit einem virtuellen Industrie-Event Anfang März und einem geplanten Publikumsfestival im Juni, dann wieder richtig live am Potsdamer Platz mit allem Drum und Dran. Die virtuelle Berlinale ist kürzer, kompakter und präsentiert in der kommenden Woche die Filme zunächst online, die der neue Künstlerische Leiter Carlo Chatrian gemeinsam mit seinem Programmteam für den Internationalen Wettbewerb und die wichtigsten Nebensektionen Encounters, Panorama, Forum und Generationen ausgewählt hat. Es sind deutlich weniger Titel als in jedem „normalen“ Jahr, was den sonst extrem vollgepackten Vorführungsplan ausnahmsweise angenehm überschaubar macht. 15 Filme sind es immerhin im Wettbewerb geworden, zwölf in der noch jungen Encounters-Sektion, die Chatrian im vergangenen Jahr neu einführte, um die Vitalität des Kinos in ihren diversen Formen zu präsentieren. Insgesamt werden 160 Titel gezeigt, einschließlich der Kurzfilme und der Retrospektive. 2020 waren es mehr als doppelt so viele. Schlecht ist das nicht, zudem erhöht es für die teilnehmenden Filmschaffenden die Chancen auf einen der Preise, die es am Ende der Woche vergeben werden. Und auch die schmalere Auswahl in diesem Jahr kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen.
Ungewöhnlich, aber nicht überraschend ist, dass gleich vier deutsche Filme im Wettbewerb vertreten sind, allen voran Dominik Grafs Kästner-Verfilmung Fabian oder Der Gang vor die Hunde und Nebenan, das Regiedebüt von Daniel Brühl über eine Kneipe in Prenzlauer Berg, in dem der Schauspieler die Hauptrolle selbst übernommen hat. Zu den beiden Herren gesellen sich außerdem zwei spannende Frauen: Maria Schrader mit Ich bin dein Mensch, einer Science-Fiction-Romcom vor der Kulisse des Pergamonmuseums, in der Sandra Hüller mitspielt, sowie Maria Speth mit ihrem Dokumentarfilm Herr Bachmann und seine Klasse über eine Schulklasse als Labor der Gesellschaft.
Im Gegensatz dazu ist heuer kein einziger Film aus den USA oder Großbritannien im Wettbewerb vertreten. Namhafte Stars und Oscar-Anwärter gibt es lediglich außer Konkurrenz in den Berlinale Specials zu sehen – und das vorerst auch nur auf dem Papier, zumal die Rechteinhaber ihre Filme für eine digitale Vorführung nicht freigegeben haben und lieber auf die „richtige“ Premiere vor Publikum und auf der großen Leinwand im Berlinale Palast im Juni warten. Dazu gehören unter anderem Azazel Jacobs‘ French Exit mit Michelle Pfeiffer und Lucas Hedges in den Hauptrollen sowie Lina Roesslers Komödie Best Sellers mit Aubrey Plaza und Michael Caine. Immerhin zu sehen geben wird es jetzt schon einmal Kevin Macdonalds Thriller The Mauritanian mit Jodie Foster, Shailene Woodley und Benedict Cumberbatch sowie Language Lessons von und mit Natalie Morales, dazu eine Dokumentation über Tina Turner. Und auch in den Specials ist der Anteil an deutschsprachigen Produktionen relativ groß: Neben dem Schweizer Tim Fehlbaum, der seinen zweiten Spielfilm Tides vorstellt, präsentieren die deutschen Regisseure Christian Schwochow (Je suis Karl) und Marc Bauder (Wer wir waren) ihre neuesten Arbeiten außer Konkurrenz.
Im Wettbewerb konkurrieren derweil auch in diesem Jahr Filme um den Goldenen Bären, die einerseits einen künstlerischen, andererseits einen politischen Anspruch haben – im besten Fall beides. Gespannt sein darf man auf Petite Maman, den neuen Film von Céline Sciamma, die 2019 in Cannes mit Porträt einer Frau in Flammen für Furore sorgte. Daneben präsentiert der Rumäne Radu Jude, der 2015 für sein Historiendrama Aferim! mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, mit Bad Luck Banging or Looney Porn ein Drama über eine Lehrerin, die ihr intimstes Privatleben plötzlich ungewollt im Internet ausgestellt sieht. Auch Xavier Beauvois (Albatross) aus Frankreich sowie die beiden Ungarn Bence Fliegauf (Forest – I See You Everywhere) und Dénes Nagy (Natural Light) sind mit von der Partie, während das asiatische Kino mit dem japanischen Regisseur Ryûsuke Hamaguchi (Wheel of Fortune und Fantasy) und dem koreanischen Berlinale-Veteranen Hong Sangsoo (Introduction) vertreten ist.
In die Jury des internationalen Wettbewerbs hat Chatrian heuer sechs Bären-Gewinner berufen – diesmal ganz ohne Vorsitz mit der Begründung, dass schließlich alle Bären gleichwertig seien. Vorjahressieger Mohammad Rasoulof (Es gibt kein Böses), der sich derzeit im Iran im Hausarrest befindet, gehört dazu, ebenso der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi (Seefeuer), der Israeli Nadav Lapid (Synonymes), die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi (Body and Soul), ihre bosnische Kollegin Jasmila Žbanić (Esmas Geheimnis) und Adina Pintilie aus Rumänien, die 2018 mit ihrem radikalen Filmessay Touch Me Not einen der umstrittensten Goldenen Bären der letzten Jahre gewann.
Mit den Encounters gibt es zum zweiten Mal ein spannendes Alternativangebot zum Hauptwettbewerb, das in erster Linie Filme präsentieren und ehren möchte, die für eine andere Art der Interpretation der filmischen Geschichte stehen. In der Sektion vertreten sind diesmal neue Werke von Julian Radlmaier (Blutsauger), Alice Diop (We) und Denis Côté (Social Hygiene), der bisher dreimal im Wettbewerb vertreten war, und die US-UK-Produktion The Beta Test, der erste gemeinsame Film von Regisseur Jim Cummings und Schauspieler PJ McCabe, der jedoch ebenfalls erst im Rahmen der physischen Berlinale im Juni präsentiert wird.
Allen, die bereits jetzt ein bisschen Berlinale-Luft schnuppern wollen, sei das umfangreiche Veranstaltungsprogramm der „Berlinale Talents“ an Herz gelegt, das in der kommenden Woche parallel zum Filmangebot der Berlinale wie gewohnt Talks, Diskussionen und Workshops bietet, die nicht nur für die über 200 eingeladenen Talente online frei zugänglich sind, sondern auch für das internationale Publikum – live und kostenlos abrufbar auf www.berlinale-talents.de und den entsprechenden Social-Media-Kanälen sowie später auch als Highlight-Aufzeichnungen on demand auf www.berlinale.de. Unter dem diesjährigen Rahmenthema „Dreams“ ist mit Apichatpong Weerasethakul beispielsweise einer der ganz großen Virtuosen des Kinos geladen, um sich Gedanken über das Träumen in poetischen wie gesellschaftlichen Sphären zu machen. Aber Céline Sciamma, Ava DuVernay und Tristan Oliver, der regelmäßig für Wes Andersons Animationsfilme die Kameraarbeit übernimmt, laden virtuell zum filmischen Schwärmen und Schwelgen mit wachen Augen und offenen Ohren in Zeiten der Pandemie ein.
