AMMONITE

Ammonite

Frauen in Unterröcken

| Marietta Steinhart |
Von „The World to Come“ über „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ bis hin zum jetzt startenden „Ammonite“: ein Marktsegment. Aber: Warum leben so viele Film-Lesben in der Vergangenheit?

Zwei Frauen, die beide lange Kleider tragen, schlendern einen kalten Strand entlang und tauschen verstohlene, hungrige Blicke aus. Wir befinden uns im Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Eine der Frauen leidet an „Melancholie“, und Seeluft soll ein Heilmittel dafür sein. Es ist eine Szene aus Ammonite, Francis Lees lesbischem Melodram über die englische Fossilforscherin Mary Anning und ihre langjährige Freundin Charlotte Murchison. Aber in Céline Sciammas Porträt einer jungen Frau in Flammen aus dem Jahr 2019 gibt es so etwas Ähnliches – nur der Strand ist auf einer abgelegenen Insel in der Bretagne. Wenn wir jetzt den Strand gegen Neuengland anno 1850 austauschen, könnte dies auch The World to Come (2020) von Mona Fastvold sein. Mindestens eine der beiden Frauen steckt mitten in etwas Tragischem. In Porträt einer jungen Frau in Flammen hat Héloïse (Adèle Haenel) ihre Schwester durch Selbstmord verloren, Charlotte (Saoirse Ronan) in Ammonite hat eine Fehlgeburt erlitten, und die Tochter von Tallie (Vanessa Kirby) in The World to Come ist an Diphtherie gestorben. Der Großteil dieser Filme besteht dann aus zweideutigen Blicken und angespannten, spärlichen Gesprächen zwischen den beiden Frauen, während die Männer sich irgendwo außerhalb des Bildrandes bewegen.

In den vergangenen Jahren haben lesbische Geschichten wie diese populären und kritischen Beifall erhalten. Das ist einereseits schön, denn zu lange gab es Kostümdramen über Männer in Kniehosen, die versuchten, Väter in Salons zu beeindrucken. Jetzt machen die Töchter stattdessen miteinander rum.

Aber warum kehren Filmemacher immer wieder in die Vergangenheit zurück, um Romanzen zwischen Frauen zu erforschen? Inzwischen gibt es so viele von diesen Dramen, dass es sogar eine Diskussion im Internet neu entfacht hat. „Lasst Lesben Strom haben!“, schrieb eine Twitter-Nutzerin. „Müssen in jedem Lesbenfilm zwei schwer depressive Frauen sein, die Bonnets tragen, mit britischen Akzenten reden und sich anstarren?“, schrieb eine andere.

Sicher, wir haben in den vergangenen Jahren einige moderne queere Frauenfilme wie The Half of It, Rafiki, oder Happiest Season gesehen, vor allem im Horrorgenre sehen wir Bewegung mit großartigen lesbischen Liebesgeschichten im Serienformat auf Netflix wie Ratched, The Haunting of Bly Manor, Fear Street und verträumte Thriller wie Thelma von Joachim von Trier.

Aber insgesamt spielen die meisten von ihnen nicht in der Gegenwart. Im Jahr 2018 allein gab es The Favourite, Colette, Vita and Virginia, Wild Nights with Emily, Tell It to the Bees, Lizzie, die BBC-Serie Gentleman Jack und so weiter. Und es kommt noch mehr: Paul Verhoevens Benedetta, die Geschichte einer lesbischen Nonne aus dem 17. Jahrhundert, die eine Liebesbeziehung mit einer anderen Nonne in ihrem Kloster eingeht, startet im Dezember in den Kinos.

Historische Dramen haben einen gewissen Reiz, und Filme über Frauen, die Frauen lieben, sind da keine Ausnahme. Es gibt mehrere mögliche Gründe, von denen viele wahrscheinlich damit zusammenhängen, wie vermarktbar diese Filme im Vergleich zu anderen queeren Geschichten sein sollen. Und je mehr das lesbische Filmemachen in den Mainstream rückt, desto wichtiger wird die Marktfähigkeit.

Vielleicht ist es auch eine Frage der Ästhetik. Es hat etwas Anziehendes, zwei Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich durch Schichten von Unterröcken kämpfen, um an der Geliebten rumzufummeln. Aber zu sehen, wie sich zwei sehr „weibliche“ (im altmodischen Sinne…), attraktive Frauen mit langen Haaren in schönen Kostümen, mit Streichmusik im Hintergrund, verlieben und intim werden, lässt sich vielleicht auch besser verkaufen. In Lizzie machen sich Kristen Stewart und Chloë Sevigny auf einem Strohballen in einer Scheune übereinander her, aber man sieht nicht viel mehr als Schichten von Röcken. Es ist alles relativ harmlos. In Tell it to the Bees fliegt eine Biene aus dem Bienenstock und landet auf Lydias (Holliday Grainger) Hals, und Jean (Anna Paquin) lehnt sich näher als nötig, um sie wegzublasen.

Da davon ausgegangen wird, dass die Vergangenheit immer homophober und sexistischer war als die Gegenwart, bieten diese Geschichten vielleicht auch mehr dramatisches Potential. Sie spiegeln aber auch die willkommene Tatsache wider, dass es Frauen, die Frauen lieben, schon immer gab, und bedienen sich nicht selten der Fantasie. Lizzie Bordon hat ihre Eltern vielleicht mit einem Hammer in Stücke gehackt, aber es gibt keine Beweise dafür, dass sie es getan hat, um mit ihrer Hausgehilfin Bridget zusammen zu sein. Es gibt auch keinerlei Beweise dafür, dass Mary Anning und Charlotte Murchison mehr als Freundinnen waren.

Ammonite hat alles: stimmungsvolle Strandszenen, Saoirse Ronan sitzt an einer Stelle auf Kate Winslets Gesicht … In Francis Lees Kostümdrama spielt sie Mary Anning, die echte Paläontologin, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Klippen an der Südküste Englands nach Fossilien durchkämmte. Mary Annings Seele ist so wettergegerbt wie ihre rissigen Hände mit den abgebrochenen Nägeln. Das ändert sich, als ein Geologe seine Frau Charlotte (Ronan) zu ihr bringt, damit diese sich an der frischen Luft erholen kann. Ammonite wurde von einigen als übermäßig trist und als manchmal etwas langweilig kritisiert, aber die stimmungsvolle Natur der Kulisse begleitet perfekt das Drama zwischen den Frauen (und ja, die Sexszene ist auch ziemlich großartig).

Der Trend begann vielleicht mit Carol im Jahr 2015. Das Drama spielt im New York der fünfziger Jahre und schildert die Liebesbeziehung zwischen der verheirateten Carol (Cate Blanchett) und Therese (Rooney Mara), einer jungen Verkäuferin, die sich sofort in die ältere Frau verliebt, nachdem sie ihr Handschuhe verkauft hat. Der für sechs Oscars nominierte Film von Todd Haynes leitete ein Goldenes Zeitalter von Frauen ein, die sich hinter verschlossenen Türen küssen. Mit zehn Oscar-Nominierungen und einem Sieg half auch Yorgos Lanthimos’ Film The Favourite, der auf den Gerüchten beruht, dass Queen Anne Frauen nicht abgeneigt war, mit, lesbische Filmbeziehungen salonfähig zu machen.

Verbotene Romantik hat etwas Reizvolles, egal ob queer oder hetero. Aber es ist auch schön, ab und zu verliebte Frauen glücklich zu sehen. Ein weniger bekannter Film ist die Low-Budget-Komödie Go Fish aus dem Jahr 1994, eine skurrile Interpretation lesbischer Kultur in Chicago. Die Autorinnen Rose Troche und Guinevere Turner hatten es einfach satt, lesbische Filme zu sehen, die ihrem tatsächlichen Leben nicht glichen – und dieser nette Film war ihre Antwort darauf. So etwas könnte man auch wieder einmal versuchen.