Robert Pattinson

Robert Pattinson

Hasse mich nicht, weil ich schön bin

| Marietta Steinhart |
Vom Multiplex-Teenieschwarm zum Arthouse-Axiom: Nach seinen Rollen in zwei der größten Franchises wurde Robert Pattinson zu einem der unberechenbarsten und außergewöhnlichsten Schauspieler im Autorenkino. Damit nicht genug, wird er nun auch als der neue Batman gehandelt.

An einer Stelle in The Rover, dem Endzeit-Drama von David Michôd, sitzt Robert Pattinsons Charakter nachts allein in einem Auto, im Dunkeln, und singt leise zu Keri Hilsons „Pretty Girl Rock“ mit. „Don’t hate me ’cause I’m beautiful”, singt er. Hasse mich nicht, weil ich schön bin. Es ist ein entscheidender Moment für Rey, den bedürftigen, unsicheren jungen Mann, den er spielt, aber es fühlt sich auch wie ein wichtiger Moment in der Karriere des Schauspielers an. Er hat einen langen Weg zurückgelegt.

Es ist mehr als zehn Jahre her, seit Robert Pattinsons weiß gepudertes Gesicht, mit seinen konkaven Wangenknochen und den buschigen Augenbrauen, die Wände von Teenies auf der ganzen Welt zierte. Durch seine Rolle als Edward Cullen in Catherine Hardwickes Literaturverfilmung von Stephenie Meyers Vampir-Schmonzette „Twilight“ (2008) wurde der in London geborene Schauspieler zu dem Stoff, aus dem Mädchenträume gemacht sind, und stellte seine Karriere in den Dienst des Franchises. Infolgedessen wurde er von „Twihards“ und Paparazzi belagert, „Vanity Fair“ kürte ihn zum „schönsten Mann der Welt“.

Heute wird der 32-jährige Brite weniger mit der milliardenschweren Blockbuster-Reihe verbunden als vielmehr mit einer Vielzahl visionärer Filmemacher, von David Cronenberg bis Anton Corbjin, den Safdie-Brüdern und jetzt Claire Denis und ihrem neuen Sciene-Fiction-Horrordrama High Life. Pattinson spielt einen Gefangenen im Todestrakt, der auf eine sehr seltsame Erkundungsmission in den Weltraum geschickt wird. Denis hatte diese Rolle für den verstorbenen Philip Seymour Hoffman geschrieben, aber Pattinson, von dessen Aura sie fasziniert war, verbrachte vier Jahre damit, die französische Regisseurin „zu bearbeiten“. Er ist auch Gitarrist und Keyboarder und arbeitete mit der Band Tindersticks an einer neuen Single („Willow“) für den Soundtrack von High Life. Er hatte ja auch Songs zu Twilight beigetragen.

Wer noch nie von Twilight gehört hat, weil er sich vielleicht in einem unterirdischen Gefängnis befand und keinen Zugang zur Außenwelt hatte: Pattinson spielt den Vampir Edward, der seit hundert Jahren ein Teenager ist, in der Sonne glitzert und meistens nur da steht und grübelt. Er ist auch in einer destruktiven Beziehung – die sich über fünf Filme erstreckt – mit Bella (Kristen Stewart), die einen Duft ausstrahlt, der für den Vampir wie Heroin schmeckt, was bedeutet, dass er ihr Blut will, aber auch dass er sie liebt.

„Pattinson weiß, wie gut er aussieht“, schrieb Roger Ebert in seiner Kritik über den Teenie-Film. Und so war es sicher auch kein Zufall, dass der Brite in Bel Ami (2012) als Frauenheld besetzt wurde, der keinerlei Talente hatte – außer dass er schön war. Aber Robert Pattinson, ein männliches Model und das Gesicht von Dior Homme, wollte so viel mehr als nur ein hübsches Gesicht sein. Er hätte nach dem Franchise viele Wege gehen können. Die Welt liebt einen blassen, britischen Schurken, aber er wollte einfach Filme machen, die transgressiv und dunkel sind. Während seiner Twilight-Jahre drehte er u.a. zwei Romanzen: Remember Me (2010), ein zärtliches Drama, das er mitproduzierte, und Water for Elephants (2011) an der Seite von Reese Witherspoon. Man denke an die Ironie: Pattinson war sechzehn Jahre alt, als seine Szenen mit Witherspoon für Mira Nairs Thackeray-Adaption Vanity Fair (2004) geschnitten wurden.

Pattinson wandte sich also an David Cronenberg und David Michôd für Rollen, die seinem künstlerischen Geschmack entsprachen und sein altes Image abzuschütteln geeignet waren. Er scheint sich wohler zu fühlen, wenn er seinen Part leise spielt, solange es für einen großartigen Regisseur oder eine großartige Regisseurin ist.

Cronenbergs Cosmopolis (2012) war Pattinsons erster Film (Interview mit Robert Pattinson) nach dem Ende der Twilight-Saga. Seinem jugendlichen Startum entwuchs er also gleich einmal mit der knochentrockenen Verfilmung eines kapitalismuskritischen Kultromans (von Don DeLillo). Sein Charakter, ein unterkühlter Hedgefonds-Manager, sitzt fast für die gesamte Dauer des Films auf dem Rücksitz einer Stretchlimousine, hat Sex mit Juliette Binoche und unterzieht sich einer Prostata-Untersuchung. Mit seinem marmorweißen Teint und seinem gefühlsleeren Ausdruck schien er ohnehin eine gute Wahl zu sein für einen seelenlosen Finanzhai, aber der Coup von Cronenbergs Besetzung war: Pattinson verkörpert hier die Metapher eines Vampirs, der in einer Art Totenkiste durch New York City fährt. Den Blick verdunkeln oder nachdenklich in die Luft starren – das waren lange seine Markenzeichen.

Cosmopolis machte deutlich, dass Pattinson ein ernstzunehmender Künstler sein wollte, aber es war seine Leistung als Rey in David Michôds Dystopie The Rover (2014), die zeigte, wie draufgängerisch er wirklich war. Rey ist kein leichter Charakter; ein einfacher Südstaatler, der – an der Seite von Guy Pearce – seinen Bruder sucht. Pattinson verleiht Michôds dystopischer Fabel mit faulen Zähnen, einem rasierten Kopf und sanften Augen so etwas wie ihre Seele.

Im selben Jahr traf Pattinson sich wieder mit Cronenberg, der ihm diesmal einen eher kleinen Part als Chauffeur gab in seiner schwarzen Hollywood-Satire Maps to the Stars. Es folgte eine Rolle in Anton Corbijns Life (2015) als Fotograf Dennis Stock, welcher in den fünfziger Jahren eine berühmte Fotoserie von James Dean (gespielt von Dane DeHaan) gemacht hatte. In Werner Herzogs Queen of the Desert, einem Film, der als „Regiedesaster“ und „schwülstige Orient-Saga“ in die Geschichte einging, tauchte er dann in einer Art Camp-Version von Lawrence von Arabien auf.

Zu dieser Zeit schickte Pattinson ein E-Mail an die New Yorker Safdie-Brüder. Er wollte mit den beiden arbeiten. Die Brüder trafen sich mit ihm, und Good Time (2017) war geboren. „Er war auf eine seltsame Weise wie ein Popmärtyrer“, sagte einer der Brüder in einem Interview rückblickend über den Briten. Connie, ein Gauner, nimmt seinen geistig behinderten Bruder (Benny Safdie), von dem er sagt, dass er ihn liebt, zu einem Banküberfall mit. Der geht schrecklich schief. Connie verbringt dann den Rest des Dramas damit, seinen Bruder aus dem Gefängnis zu holen. Um sich auf seine Rolle vorzubereiten, zog Pattinson in ein Loch in Queens, verlor an Gewicht, färbte sich die Haare blond und ließ sich beide Ohrläppchen stechen. Seine Performance ist grandios und deutet auf eine schauspielerische Bandbreite hin, die Cronenberg kaum vermutet hätte.

Pattinsons Auftritt in The Lost City of Z (2016) als britischer Korporal mit Vollbart, der den Entdecker Percy Fawcett (Charlie Hunnam) in den Amazonas begleitet, war so unaufdringlich, dass viele Zuschauer ihn nicht einmal erkannten. Doch seine bislang wohl bezauberndste Figur ist der Western-Troubadour Samuel Alabaster, ein liebenswerter Tor mit zwitschernder Stimme und Mittelscheitel, der die amerikanische Frontier durchquert, um die Liebe seines Lebens (Mia Wasikowska) zu retten und zu heiraten – nur dass die dummerweise nicht gerettet werden will. Eine Szene in Damsel (2018), in der Pattinson ein schreckliches Lied mit dem Titel „Honeybun“ singt, ist vielleicht sein bislang drolligster Moment.

Seine erste Rolle war die des Giselher in dem deutschen Fernsehfilm Die Nibelungen – Der Fluch des Drachen (2004). Ein Jahr später landete er den Part von Cedric Diggory in Harry Potter und der Feuerkelch. Es gibt kleine Filme wie How to Be und Little Ashes, in dem er Salvador Dalí verkörpert. Pattinson hat sich nicht neu erfunden. Er hat seine Aufmerksamkeit einfach weg von seinem Star-Image verlagert, hin zu den Dingen, die ihn wirklich interessieren. Vielleicht waren zu viele von uns bereit zu glauben, dass der Pattinson von Twilight der „echte“ war.

Er geht weiterhin ein kalkuliertes Risiko ein, darunter ein neuer Horror-Fantasy-Film von Robert Eggers mit dem Titel The Lighthouse und zwei kommende Netflix-Projekte, David Michôds The King und Antônio Campos The Devil All the Time – ganz zu schweigen von seiner Zusammenarbeit mit Christoper Nolan und Joanna Hogg. Robert Pattinson ist er zu einem der interessantesten Filmschauspieler seiner Generation herangereift – mit unberechenbarem Rollen-Geschmack. Dass man ihn neuerdings als Titelhelden des möglichen neuen Batman-Films (2021) führt, kann da nicht wirklich überraschen.