Am 30. April wird Jacques Audiard siebzig Jahre alt. Anzeichen von Müdigkeit lassen sich jedoch auch in seiner jüngsten Regiearbeit „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ („Les Olympiades“) nicht erkennen, im Gegenteil. Ein Gespräch über die Jugend von heute, seine Heimatstadt Paris und das Problem mit der Männlichkeit.
Es werden einfach nicht mehr. Neun Spielfilme, mehr sind es nicht. Auch wenn man noch so oft nachzählt, die Kurzfilme oder Musikvideos mitdenkt, Jacques Audiard hat noch längst nicht so viele Filme gedreht, wie man annehmen möchte – einige weitere allerdings, vor allem in den achtziger Jahren, tragen seine Handschrift als Drehbuchautor. An erster Stelle zu nennen ist sicherlich Claude Millers Meisterwerk Das Auge (1983), das Audiard zusammen mit seinem Vater Michel, ebenfalls ein gefeierter Regisseur und Autor, schrieb. Jacques Audiards Kunst ist es, mit jeder Regiearbeit einen derart starken Eindruck zu hinterlassen, dass seine Filmografie insgesamt schwerer wiegt. Und das liegt nicht zuletzt auch an den Geschichten, die er erzählt. Sie handeln von angehenden Gangstern (Ein Prophet), zwielichtigen Flüchtlingen (Dheepan) oder gefürchteten Auftragskillern (Wenn Männer fallen). Denn am liebsten bewegt sich Audiard da, wo es wehtut, an den gesellschaftlichen Rändern, im Spannungsverhältnis zwischen Liebe und Gewalt. Seine Figuren sind roh und manchmal auch rau, noch auf der Suche nach sich selbst oder dem richtigen Weg – nicht selten kommt alles zusammen.
Wie weit sein Radius reicht, hat der Franzose zuletzt mit seinem ersten englischsprachigen Werk The Sisters Brothers bewiesen, in dem Joaquin Phoenix und John C. Reilly als ungleiches Brüderpaar den Wilden Westen neu definieren. Und spätestens da war klar, dass Audiard es auch damit nicht belassen würde. Sein aktueller Film läutet deshalb weniger einen erneuten Kurswechsel ein, als dass er den natürlichen Entwicklungsprozess eines Regisseur beschreibt, der unerschrocken vorwärtszieht und nicht zurückblickt. Denn einer wie er wiederholt sich nicht gern. Wo in Paris die Sonne aufgeht ist nun ein multikultureller Liebesreigen, der auf drei Kurzgeschichten des amerikanischen Comiczeichners Adrian Tomine basiert. Da wären zunächst Émilie (Lucie Zhang) und Camille (Makita Samba), die spontan zu Mitbewohnerinnen werden und gleich noch vor dem offiziellen Einzug miteinander im Bett landen. Allerdings ist ihre Affäre, so wie alle Beziehungen in diesem Film, nicht von langer Dauer. Und so trifft wenig später auch Nora (Noémie Merlant) auf Camille, die gerade nach Paris gezogen ist, um mit Anfang dreißig ihr Jurastudium wieder aufzunehmen. Allerdings scheint ausgerechnet ihr Leben erneut in eine Sackgasse zu geraten, als eine unschöne Verwechslungsgeschichte mit dem Camgirl Amber Sweet (Jehnny Beth) ihren Uni-Alltag überrollt. Wie sich die Wege dieser vier jungen Menschen in Les Olympiades, einem Viertel im 13. Pariser Arrondissement, kreuzen und unverhofft ineinander verwickeln, davon erzählt Audiard in herrlich wertfreien schwarzweißen Bildern und mit einer Leichtigkeit, die einen fast vergessen macht, das er, wenn er will, beim nächsten Mal auch wieder ganz anders kann.
Monsieur Audiard, Sie sind in Paris aufgewachsen. Was verbinden Sie persönlich mit Les Olympiades, dem Viertel, um das es in Ihrem Film geht?
Jacques Audiard: Ich kenne den 13. Bezirk sehr gut. Ich habe lange dort gelebt und bin immer wieder gerne dort unterwegs. Es kommt einem nicht vor, als sei man in Paris. Die Gegend hat etwas Außergewöhnliches, etwas sehr Eigentümliches. Und ich habe miterlebt, wie sich die Umgebung verändert hat. Sozial, kulturell, aber auch ethnisch. Es gab immer viele Studenten dort. Aber der Wandel, die Entwicklungen der letzten Jahre, das hat nicht zuletzt auch mit der Seine zutun. Entlang des Flusses tun sich ständig neue Möglichkeiten auf.
Ihr Film erzählt von der Liebe oder besser der Suche danach. Alles scheint zu fließen, Partner wechseln oder werden ausgetauscht. Niemand will sich binden. Was denken Sie darüber, wie Ihre Figuren im Film leben?
Die Fluidität der modernen Liebe ist problematisch. Die jungen Menschen schlafen miteinander, sie haben Sex. Es ist eine flüchtige Begegnung. Aber die Frage ist, was danach kommt. Kann es noch einen Diskurs nach dem Sex geben? Darum geht es vor allem in der Geschichte zwischen Émilie und Camille.
Émilie und Camille, Nora und Louise, sie wissen alle nicht so recht, wohin mit sich. Verstehen Sie Ihren Film in der Hinsicht auch als Generationsporträt?
Es war ein Aspekt, der mich beschäftigt hat. Wir reden hier von einer Gruppe junger Menschen, die sehr gebildet sind, aber die enttäuscht sind von den Möglichkeiten, die die Gesellschaft ihnen heute zu bieten hat. Sie warten auf etwas. Sie befinden sich in einem permanenten Schwebezustand. Trotzdem müssen sie Entscheidungen treffen. Das finde ich spannend. Niemand weiß so recht, was aus ihnen werden wird, nicht einmal sie selbst. Also verbringen sie die Zeit des Wartens mit Flirten und mit Sex. Und mich hat interessiert, was da in ihren Köpfen vor sich geht.
Wann und warum haben Sie sich dafür entschieden, den Film in Schwarzweiß zu drehen?
Es waren drei entscheidende Dinge, die alle mehr oder weniger zur gleichen Zeit zusammenkamen. Und zwar gab es einen Moment, wo ich das Projekt beinahe gestoppt hätte, weil ich das Gefühl hatte, nicht den richtigen Zugang zu finden. Dann kam ich darauf, die Handlung auf einen bestimmten Bezirk einzugrenzen. Gleichzeitig entschied ich mich dafür, die Besetzung breiter zu fächern und das Ganze in Schwarzweiß zu drehen. Letzteres war ein alter Wunsch von mir, ein Filmideal. Ich wollte schon immer mal einen Film in Schwarzweiß drehen. Außerdem ging es mir darum, Paris zu zeigen, ohne Paris auszustellen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Der alte Pariser Stadtkern ist wie eine Museumsstadt, sehr romantisch. Aber mein Zugang zu der Stadt ist ein anderer. Für mich ist Paris eine moderne Metropole mit all ihren Schönheiten, aber auch mit ihren Mängeln und Tücken. Und das ließ sich in Schwarzweiß besser zum Ausdruck bringen. In gewisser Weise wollte ich Paris damit etwas feindseliger erscheinen lassen. Es ist ohnehin schwer genug, in der Stadt zu drehen.
Warum?
Zunächst einmal, weil es eine Stadt ist, das ist immer kompliziert. Ich habe viele meiner Filme hier gedreht, ich weiß, wovon ich spreche. Und wenn Sie dem romantische Klischee entkommen wollen, dann wird es noch mal schwieriger. Einen Ort zu finden, an dem sie nicht automatisch auch die Geschichte der Stadt im Blick haben, ist kaum möglich.
Ihre Filme handeln oft von einer neuen Art von Männlichkeit, diesmal stehen vor allem Frauen im Vordergrund.
Es ist interessant, dass Sie das sagen. Einerseits haben sie recht, wenn sie von einer Art neuer Männlichkeit sprechen, die meinen Filmen innewohnt. Mein erster Film hatte sogar den passenden Titel Wenn Männer fallen, und das scheint mein
Programm zu sein. Aber so richtig habe ich nie verstanden, warum man mich oder meine Filme immer nur darauf beschränkt. In Lippenbekenntnisse beispielsweise stand eine Frauenfigur im Zentrum. Der Geschmack von Rost und Knochen erzählt ebenfalls von einer starken Frau. Und es ist schon seltsam, dass das fast immer ausgeblendet wird. Bei Martin Scorsese oder Clint Eastwood scheint damit auch keiner ein Problem zu haben, dass sie vorrangig Filme über Männer drehen. Aber eben nicht nur.
Wie muss man sich die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ihren Koautorinnen Céline Sciamma und Léa Mysius vorstellen, die beide selbst auch Regisseurinnen sind?
Es war eine enge Zusammenarbeit, aber wir haben quasi nacheinander miteinander gearbeitet, in Paaren. Zuerst haben Céline und ich eine Adaption von Adrian Tomines Kurzgeschichten ausgearbeitet. Und als ich mich später wieder an das Drehbuch setzte, haben wir gemeinsam eine Adaption dieser ersten Adaption geschaffen. Wir haben neue Figuren dazu erfunden und aus den drei ursprünglichen Kurzgeschichten ein Ganzes geformt. Es war ein etappenartiger Prozess. Und die Handlung des fertigen Films unterscheidet sich maßgeblich von der ersten Version, die Céline und ich zunächst geschrieben hatten.
War es auch Céline Sciammas Idee, Noémie Merlant als Nora zu besetzen, weil sie mit ihr gerade an „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ arbeitete?
Nein, das hatte damit nichts zu tun. Ich habe mich für Noémie und Jehnny entschieden, weil es wichtig war, dass die zwei Frauen äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, damit die Verwechslung plausibel wird. Es war zwar nicht der einzige Grund, aber ein entscheidender Faktor beim Casting.
In Liebesgeschichten kommt es immer auch auf die Chemie zwischen den Schauspielern und Schauspielerinnen an. Wie haben Sie vor allem die intimen Szenen vorbereitet?
Die Schauspielerinnen haben mit verschiedenen Coaches gearbeitet, mit mir zusammen und ohne mich. Und die Sexszenen sind in Zusammenarbeit mit einem Choreografen entstanden. Da habe ich mich weitestgehend rausgehalten. Im Endeffekt habe ich die Szenen gefilmt, aber die Schauspieler und Schauspielerinnen haben sie sich jeweils selbst erarbeitet. Alles andere wäre mir unangenehm gewesen.
Lucie Zhang ist eine Entdeckung. Wie haben Sie sie gefunden?
Sie antwortete auf eine Anzeige in einer Londoner Zeitung. Aber die Casting-Direktorin sagte zunächst, sie sei zu jung, weil sie damals erst neunzehn war und eine 23-Jährige spielen sollte. Aber dann kam die Pandemie, und Lucie ließ einfach nicht
locker. Sie wollte diese Rolle unbedingt. Ich weiß nicht mehr genau, wer dann wen anrief, aber wir haben schließlich ein paar Kameratests gemacht. Als ich sie dann sah, war etwas Zeit vergangen, und ich fand sie keineswegs zu jung. Außerdem ist es nicht einfach, in Frankreich eine junge Franko-Chinesin zu finden, die beide Sprachen fließend spricht, und die kein Problem damit hat, sich vor der Kamera auch nackt zu zeigen. Das gibt es nicht oft.
Die Art und Weise, wie Sie die einzelnen Liebesgeschichten darstellen, hat etwas herrlich Frisches.
Ich denke, das ist in der Zusammenarbeit am Drehbuch entstanden. Aber es ist auch Tomines Geschichten von vornherein eingeschrieben. Die Idee war es, provokative Figuren zu entwickeln. Sie sind narzisstisch und hören sich gerne selbst reden.
Was hat Sie im Hinblick auf diese jungen Menschen am meisten überrascht?
Weniger die Figuren an sich, weil wir sie ja erfunden haben. Aber was mich fasziniert hat, war die Frage, was Jugend oder jung sein überhaupt bedeutet. Wann fängt Jugend an, wann endet sie? Wenn ich vierundzwanzig bin und noch jung, was mache ich dann, wenn ich mich mit achtundzwanzig plötzlich alt fühle? Oder kann ich mich auch mit fünfunddreißig noch jung fühlen, obwohl ich eigentlich nicht mehr jung bin? Und was mache ich, wenn ich nicht mehr jung bin, aber auch noch nicht in die Welt der Erwachsenen passe? Bei mir persönlich war es beispielsweise so, dass ich mit fünfundzwanzig bereits ein sehr aktives Leben führte und Verantwortung übernehmen musste. Aber bei den jungen Menschen im Film ist das anders. Sie teilen sich Wohnungen und sie haben keine Kinder. Sie müssen keine Verantwortung übernehmen. Émilies einziges Problem ist es, gegen ihre Eltern zu rebellieren. Und dazu die ganze sozialen Netzwerke heutzutage, das ist noch mal eine ganz andere Welt.
Ihr letzter Film war ein Western. Jetzt drehen Sie ein Drama über moderne Liebe in der Großstadt. Wonach entscheiden Sie, was Sie als Nächstes angehen wollen? Haben Sie manchmal Angst, sich in Ihrer Arbeit zu wiederholen?
Ich versuche, mich nicht zu wiederholen. Aber ich finde es schwer, eine genaue Vorstellung von meiner Vision als Regisseur zu haben. Wie genau diese Vision aussieht, kann ich nicht sagen. Dazu stecke ich zu sehr mittendrin. Einige Leute behauten, meine Filme seien alle unterschiedlich. Und ich habe auch das Gefühl, dass dem so ist. Sicher bin ich mir trotzdem nicht. Aber ich habe auch noch nicht so viele Filme gedreht, gerade mal neun insgesamt. Sehen Sie sich mal die Filmografie von John Ford an. Ich versuche mir immer vorzustellen, ob er sich nach fünfzig Filmen auch die Frage gestellt hat, ob er anders über jeden einzelnen denkt.
In welchem Genre würden Sie vielleicht gerne noch arbeiten, das Sie bisher ausgelassen haben?
Als nächstes mache ich ein Musical, ganz im Ernst. Es wird in Mexiko gedreht, und die Musik und die Texte sind schon fertig.
Musicals haben im Kino gerade wieder Hochkonjunktur.
Das überrascht mich gar nicht. Musicals waren in Krisenzeiten immer sehr beliebt. Das ist wie der Tanz am Abgrund vor dem Erdbeben.
