Die Versagensangst hinter dem „Wiener Klang“
Nun hat es auch die Wiener Symphoniker erwischt. Nach dem Kunsthistorischen Museum (Das große Museum), dem Burgtheater (Die Burg), der Staatsoper (Backstage Wiener Staatsoper) und dem Radiosender Ö1 (Gehört gesehen) wird jetzt Österreichs neben den Philharmonikern zweitwichtigstes Spitzenorchester für das Kino ins Bild gerückt.
Ein klassisches Dokumentarstück mit historischen Rückblicken und strukturierter Dramaturgie ist auch dieser Film nicht geworden. Eher schon eine impressionistische Cinéma-vérité-Szenenfolge, die ihre Protagonisten erst im Nachspann namentlich identifiziert – eine Unhöflichkeit gegenüber dem Publikum, die leider immer mehr um sich greift.
Doch das soll die Qualitäten dieser streckenweise durchaus spannenden Doku nicht entscheidend schmälern. Sie kreist um zwei personelle Weichenstellungen im Orchester: die Ablöse des zur Wiener Staatsoper abwandernden Chefdirigenten Philippe Jordan durch den Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada und die erstmalige Wahl einer weiblichen Konzertmeisterin, Sophie Heinrich, die an die Stelle des jedem Wiener Musikfreund vertrauten langjährigen Ersten Geigers Florian Zwiauer getreten war. Außer ihnen kommen Orchestermusiker aller Instrumentengruppen zu Wort, und dies auch in ungewöhnlichen Situationen: beim Reiten und Bergsteigen ebenso wie beim Rudern am Bodensee (Bregenzer Festspiele!) und bei der Frackprobe beim Nobelschneider.
Derart entspannt geht es indes nicht immer zu. Breiten Raum nehmen (erstmals gestattete!) Mitschnitte des sogenannten Probespielens ein, also jener Prüfungen, bei der die bereits etablierten Orchestermitglieder über die Aufnahme von Nachwuchsmusikern entscheiden, die anonym hinter einem Paravent Proben ihres Könnens abgeben. Der Stress, den diese Situation erzeugt, teilt sich dem Betrachter nahezu physisch mit. Er kann ein Musikerleben jahrelang prägen, wie das Beispiel jenes Hornisten beredt demonstriert, der seine Versagensangst nicht bewältigen konnte und nun als Orchesterwart arbeitet. Der legendäre „Wiener Klang“, dessen Geheimnis hier übrigens ebenfalls entschlüsselt wird, ist ohne Opfer eben nicht zu haben.
Ach ja, noch eins: Spätestens wenn sich zuletzt Orchestermitglieder und Dirigenten nach einer geglückten Beethoven-Probe herzlich umarmen, wird schmerzlich klar, dass dieser Film derzeit von einer anderen Welt als der unseren erzählt. Ob Musik da hilft? Wünschen würde man sich’s.
