Basierend auf Geschichten seines Großvaters hat Sam Mendes einen beeindruckenden Film über den Ersten Weltkrieg gedreht. Neuerdings gilt dieser auch als Oscar-Favorit.
Mit zehn Nominierungen bei den heurigen Oscars hat 1917 sich kurz vor dem Kinostart in Österreich zum Mitfavoriten in der Königskategorie „Best Picture“ aufgeschwungen – neben Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood. Scorseses The Irishman und Joker von Todd Phillips werden von den Auguren trotz ebenso vieler Nominierungen deutlich weniger Chancen eingeräumt. Die „Los Angeles Times“, eine in der Regel gut informierte Zeitung in solchen Belangen, lehnt sich besonders weit aus dem Fenster. Sollte 1917 nach zwei Golden Globes (für das beste Filmdrama und die beste Regie) am kommenden Wochenende auch den renommierten Producers Guild Award einstreifen, so die „LA Times“, dann sei das Momentum ganz bei Sam Mendes und seinen Mitstreitern. Nur fünf Jahre ist es übrigens her, dass ein formal verwandter Film bei den Academy Awards triumphieren konnte: Birdman von Alejandro González Iñárritu.
Was hat 1917 mit Birdman gemeinsam? Inhaltlich nichts: Der eine ist eine Satire mit einem angstgestörten Filmstar im Zentrum einer Broadway-Theaterprobe, der andere erzählt ein dramatisches Schicksal aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Aber beide Filme sehen so aus, als wären sie in einer einzigen Einstellung gedreht worden, ohne Unterbrechung und ohne Schnitt. Beide suggerieren dem Zuseher, mitten im Geschehen zu sein – und das höchst effektiv. Mit anderen Worten, der Immersionsgrad ist in beiden Fällen enorm. Nur dass im Fall von 1917 noch ein Verstärker hinzukommt: Wer sich mit einem ständig lebensgefährdeten Soldaten im Zuge einer „mission impossible“ identifiziert, lebt naturgemäß intensiver mit als das Publikum eines überforderten Theatermachers.
„Time is the enemy“, so die Tagline von 1917, „Zeit ist der Feind“. Mit Verlaub: ein ziemlich bescheuerter Spruch. Denn der Feind sind die Deutschen, immerhin befinden wir uns in einer in Frankreich stationierten Kompanie der Briten im Stellungskrieg gegen das Deutsche Reich im April 1917. Lance Corporal Alfred H. Mendes war Mitglied dieser Kompanie. Seine Aufgabe war es, Eilbotschaften durch das neblige Niemandsland zwischen den Fronten zu übermitteln. Die Schilderungen seines Großvaters über diese Einsätze nahm Regisseur Sam Mendes zur Grundlage seines mit Krysty Wilson-Cairns verfassten (ebenfalls Oscar-nominierten) Drehbuchs, aus dem ein an vielen Stellen atemraubender Film entstanden ist. Eine Parallele zu Peter Jacksons Doku-Experiment They Shall Not Grow Old, welches weltweit unerwartet viele Zuseher in die Kinos lockte: Auch jener ist dem Großvater des Regisseurs, der im Ersten Weltkrieg gedient hatte, gewidmet.
1917 hat den Erzählrahmen eines Countdowns, der eingehalten werden muss – die dramaturgisch günstige Ausgangssituation für Legionen actionreicher Spannungsfilme. In diesem Fall müssen zwei einfache Soldaten bis zum nächsten Morgengrauen eine überlebenswichtige Botschaft an eine per Fernsprecher nicht mehr erreichbare, 1600 Mann starke Einheit übermitteln; eine Aufgabe, deren Lösung sich naturgemäß als schier übermenschlich herausstellen wird, während die Zeit den wackeren Kämpen davonzulaufen droht. Mit seine besten Abschnitte hat 1917, wenn er seine Helden robbend über das sorgfältig mit Schlamm und Stacheldraht, mit Leichen, Ausrüstungsresten und Insekten überzogene Schlachtfeld begleitet, oder durch den stramm ausgehobenen Bunker, aus dem die Deutschen sich strategisch zurückgezogen haben. Dass diese Schauplätze für erfahrene Kinogänger seltsam präpariert wirken, tut jedenfalls der Dynamik keinen Abbruch, schließlich kann buchstäblich in jeder Sekunde etwas passieren. Und bald passiert auch etwas, und dann noch etwas, und dann passiert etwas Entscheidendes: Eine schockierende, allerdings nicht durchgehend plausible Feindbegegnung findet statt. Von diesem Zeitpunkt an erscheint die Rettung der verbrüderten Kompanie gänzlich aussichtslos.
Vor allem an den detailreichen Settings und an den Actionszenen merkt man Mendes‘ Erfahrung als James-Bond-Regisseur. Und man merkt seine langjährige Zusammenarbeit mit Kamera-Landsmann Roger Deakins. Der kommerzielle Erfolg der beiden Bond-Reihen-Einträge Skyfall und Spectre (man denke an die in scheinbar einem Take gedrehte Einstiegssequenz in Mexiko-Stadt) mag dazu beigetragen haben, dass Mendes das fast dreistellige Millionenbudget für einen Film über den Ersten Weltkrieg überhaupt erst zugesichert bekam. In Zeiten risikoarmer Blockbuster ist eine solche Summe das Gegenteil einer Selbstverständlichkeit, auch wenn es sich um eine respektvolle Heldengeschichte handelt.
Neben seiner mitreißenden Spannungsdramaturgie kommen dem Film seine sympathischen jungen Hauptdarsteller zugute: Der bis an physische Grenzen agierende George MacKay und der durch Game of Thrones bekannt gewordene Dean-Charles Chapman. Kleine, aber feine Auftritte gibt es für Colin Firth, Benedict Cumberbatch und Richard Madden. Und ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte die Unterstützung des Immersionseffekts durch den fabelhaften Score von Thomas Newman. Der Lohn für das finanzielle Risiko ist ein erstaunlicher Einschlag an den Kinokassen und ein weniger überraschender Erfolgsreigen bei bisherigen Preisvergaben. Seine handwerkliche Perfektion sollte 1917, wenn es denn am Ende doch nicht für die Hauptkategorien reichen sollte, jedenfalls einige Technik- und Neben-Oscars einbringen.
Appendix: Dass es sich bei einem historischen Kriegsdrama wie diesem um eine Männerkiste handelt, kann natürlich nicht ernsthaft beeinsprucht werden. Wenn dann mitten im Feuer-Inferno einer von den Deutschen besetzten Stadtruine plötzlich eine junge Französin mit einem Findelkind auftaucht, ist das nicht einmal eine feministische Fußnote. Eher hat es die Anmutung, als hätte jemand die Pausentaste gedrückt, um einen expressionistischen Fiebertraum anzuhalten – bevor ein angsterstarrter Soldat den letzten Rest Motivation aus sich herauskitzelt, um doch noch zu überleben und seine Mission zu erfüllen.
