The Marvelous Mrs. Maisel

TV-Serien – Leading Ladies

Eine Rebellin und Dame

| Marietta Steinhart |
„The Marvelous Mrs. Maisel“ ist eine von vielen potenten TV-Heldinnen in diesem Jahr. Eine kleine Auslese.

Ein Nachtclub in New York, Ende der fünfziger Jahre: Miriam „Midge“ Maisel steht betrunken und mutlos in ihrem blassblauen Nachtkleid auf einer schmuddeligen Comedy-Bühne. Ihr Mann hat sie für seine Sekretärin verlassen. Vielleicht, sagt sie, war sie nicht dazu bestimmt, eine Mutter zu sein. „Es soll natürlich sein … das kommt mit den Titten!“ klagt sie zynisch, bevor sie ihre Brüste entblößt und das Publikum fragt: „Wer würde für die hier nicht gern abends nach Hause kommen?“ Sie wird prompt verhaftet und kurze Zeit später steht sie vor Gericht. Warum ihr Mann sie nicht begleite, fragt der Richter. „Weil er denkt, dass ich das selber kann“, antwortet Midge. Sie bekommt das doppelte Strafausmaß – für unangemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit und für Aufmüpfigkeit vor Gericht.

Die vergangenen zwanzig Jahre haben eine beispiellose Explosion der Kreativität im Fernsehen erlebt, beginnend mit Oz, den Sopranos und The Wire, bis hin zu Breaking Bad, Mad Men und True Detective und enden in einem Meer von Serien, die derzeit für Streaming-Dienste und Kabelfernsehen gemacht werden. Der US-Autor Brett Martin hat aus gutem Grund betont, dass das serielle Fernsehdrama in seiner jüngsten Blütezeit „die charakteristische amerikanische Kunstform des ersten Jahrzehnts des einundzwanzigsten Jahrhunderts“ geworden ist. Aber der Titel von Martins Buch aus dem Jahr 2013, „Difficult Men“, deutet auf eine Ungerechtigkeit in der Revolution hin. Im sogenannten „Prestige-Fernsehen“ konnten Männer Ehebrecher, Drogendealer, Gangster, sogar Serienmörder sein. Gleiches galt bis vor kurzem nicht für Frauen.

In den jüngsten Jahren jedoch haben immer mehr weibliche Künstlerinnen vielschichtige Frauenfiguren ins Fernsehen gebracht. Lena Dunham (Girls), Carrie Mathison (Homeland) und Piper Chapman (Orange Is the New Black) zum Beispiel. Nordic-Noir-Remakes von The Killing und The Bridge vermittelten den Eindruck, dass jede Kommissarin in Schweden oder Dänemark eine Zwangsneurose hat. Wütende Frauen haben jetzt einen hohen Stellenwert, und Midge Maisels Wut ist ihre Waffe. „Midge ist wie ein sardonischer Hulk“, schrieb die „New York Times“. „Sie wird verletzt, sie wird wütend und ihre Supermacht bricht hervor. Jetzt muss sie lernen, es zu kontrollieren.“

Zu Beginn der Serie hat Midge Maisel alles, was sie sich je erträumt hat. Sie ist blitzgescheit und schön und lebt mit ihrem Ehemann Joel (Michael Zegen), einem Geschäftsmann, in einer riesigen Wohnung in einem schönen Teil von Manhattan. Midges Eltern, Abe und Rose Weissman (großartig besetzt mit Tony Shalhoub und Marin Hinkle), leben auf der nächsten Etage, also gibt es Babysitter für ihre beiden Kinder, wenn sie ausgehen – was sie oft tun.

Denn im shabby Gaslight-Nachtclub in Greenwich Village geht Joel seiner Fantasie nach, ein Stand-up-Comedian zu werden. Miriam spielt die unterstützende Ehefrau: Sie besticht den Manager mit Essen für einen früheren Bühnen-Slot; sie lacht über seine lauwarmen Witze; sie macht sich Notizen zu seinen Auftritten; und abends wartet sie darauf, dass er einschläft, bevor sie aufsteht, um ihr Make-up zu entfernen und steht morgens vor ihm auf, um es wieder drauf zu tun.

Als Joel eines Abends feststellen muss, dass er nicht das Zeug zum Comedian hat (er stiehlt die Witze von anderen), gibt er seiner Frau die Schuld und verlässt sie. Mit gebrochenem Herzen und einer Flasche koscheren Weins stolpert Midge also auf die eingangs erwähnte Bühne und siehe da, es stellt sich heraus, dass ihre Tragödie eine großartige Komödie ist. Die Barkeeperin Susie (Alex Borstein) will sie groß herausbringen, während Midge sich von der verwöhnten Hausfrau in eine schlüpfrige Rebellin verwandelt. David Bowies „Rebel, Rebel“ spielt über dem Abspann der zweiten Folge.

 

Die ganze weibliche Bandbreite

The Marvelous Mrs. Maisel ist die Geschichte einer Frau, die sich aus dem engen Korsett ihrer Zeit zu befreien versucht – ohne sich dabei selbst zu ernst zu nehmen. „Es sind die Büstenhalter und Gürtel und Korsetts … alles nur entworfen, um die Zirkulation zu deinem Gehirn zu unterbinden“, sagt Midge an einer Stelle. Sie ist eine bezaubernde jüdische Heldin mit herrlich schmutzigem Humor und wird von Rachel Brosnahan (House of Cards) wunderbar interpretiert. Brosnahan knüpft damit gewissermaßen an ihre Rolle in der Rüstungswettlauf-Serie Manhattan an, wenngleich sie jene Wissenschaftergattin und Telefonistin im Los Alamos Forschungszentrum der vierziger Jahre dem Stoff entsprechend noch leiser und weniger aufmüpfig angelegt hat.

Die Rhythmen, die blitzschnellen Dialoge und die Erzählweise werden all jenen bekannt vorkommen, die Gilmore Girls gesehen haben – eine der erfolgreichsten Serien der US-amerikanischen Fernsehgeschichte –, denn auch die wurde von Amy Sherman-Palladino und ihrem Ehemann Daniel Palladino geschaffen. Für die modisch Gesinnten: Midges Garderobe von Kostümbildnerin Donna Zakowska ist ein Traum mit ihren langen rosafarbenen Mänteln, schicken Hüten und exquisit gemusterten Kleidern. Und das Setting kennen wir auch schon – dank Mad Men von Matthew Weiner. Die Polstermöbel, die Songs, der Zigarettenqualm, der Sexismus – es ist alles perfekt.

Es ist eine gute Zeit, eine Frau im Fernsehen zu sein, und es fühlt sich wie ein Zeichen der Zeit an, dass Marti Noxon (Buffy, Mad Men, UnREAL), eine der wichtigsten feministischen Kräfte in Hollywood, diesen Sommer nicht nur eine, sondern zwei Serien produzierte: Dietland und Sharp Objects. In vielen beliebten Kriminalgeschichten sind ja die wichtigsten Frauen typischerweise die Toten. Im Gegensatz dazu hat die HBO-Serie Sharp Objects (bei Sky) unter der Regie von Jean-Marc Vallée (Big Little Lies) verführerische und finstere Vorstellungen von Weiblichkeit gefunden. Die Antiheldin darin, Camille Preaker (Amy Adams), ist Alkoholikern und ritzt sich Worte ins eigene Fleisch, was ein Grund dafür ist, warum Gillian Flynn hart darum kämpfen musste, ihren Debütroman – nun die Vorlage zur Serie – vor über einem Jahrzehnt zu veröffentlichen. US-Autorin Flynn („Gone Girl“) hat ähnlich wie die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood wiederholt betont, was Feminismus für sie bedeutet: nämlich die ganze Bandbreite von Frauen abzudecken.

Im vergangenen Jahr hat Showrunner Bruce Miller einen Roman von Atwood für den US-Streamingdienst Hulu fulminant mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle adaptiert. The Handmaid’s Tale / Der Report der Magd blieb auch in Season zwei ein feministischer Kriegsschrei, ein schön komponiertes Porträt der hässlichsten menschlichen Eigenschaften. Die faschistische Höllenlandschaft von Atwoods dystopischem Roman, die Frauen zu Gebärmaschinen degradiert, erinnert viele Menschen an sehr reale Ängste vor Männern mit Macht. Tatsächlich sind die schlimmsten Peiniger der Frauen in dieser Geschichte nicht selten andere Frauen (warum es auch bei einer Season hätte bleiben können, erfahren Sie ab S. 68).


Starke, schwierige, extreme Frauen

Wenn Margaret Atwood und die Schauspielerin Amy Schumer ihre feministischen Ideen in eine gemeinsame Serie stecken würden, dann käme das der bereits erwähnten Serie Dietland (für AMC entwickelt von Marti Noxon) schon sehr nahe. Der schwarzhumorige Roman von Sarai Walker, auf dem die von Amazon Prime angebotene Serie basiert, befasst sich mit einer 136 Kilo schweren Schriftstellerin namens Plum (Joy Nash), die sich einer skurrilen, feministischen Terrorgruppe anschließt, die Vergewaltiger aus Flugzeugen wirft.

Die neue BBC-Serie Killing Eve von Phoebe Waller-Bridge (Flea­bag), die für viel Aufsehen gesorgt hat, wird in der Sprache von Publizisten gern als „der Donner der ermächtigten Frauen“ beschrieben – vor und hinter der Kamera. Die Serie basiert auf den Villanelle-Büchern von Luke Jennings: Eve Polastri (Sandra Oh) macht die psychopathische Auftragskillerin Villanelle (Jodie Corner) ausfindig. Bald darauf sind die Frauen voneinander geradezu besessen.

Damit aber noch nicht genug mit schwierigen und interessanten Frauen im Fernsehen. Die australische Drama-Serie Wentworth, quasi die Neuauflage der Kultserie Prisoner, geht in seine sechste Season. Im November geht House of Cards (beide auf Sky) ohne Kevin Spacey weiter – und zu Ende –, und man kann getrost davon ausgehen, dass seine Witwe (Robin Wright Penn) ihm in Sachen Erbarmungslosigkeit und Machtstreben in nichts nachstehen wird. Eine Frau steht auch im Mittelpunkt der elften Season des britischen Sci-Fi-Klassikers Doctor Who. Mit Schauspielerin Jodie Whittaker hat zum ersten Mal in der Geschichte der Kultserie eine Frau die Rolle des „Doktors“ übernommen. Und auch wenn der Testosteronspiegel bei den Dreharbeiten zur Serie Das Boot sehr hoch gewesen sein muss, so verspricht sogar diese Eigenproduktion von Sky unter der Regie von Andreas Prochaska (Das finstere Tal) nicht nur schwitzende Männer. Das neue Boot hat komplexe Frauenfiguren: Vicky Krieps (Phantom Thread / Der seidene Faden) spielt eine Übersetzerin an Land und Lizzy Caplan (Masters of Sex) eine Widerstandskämpferin.

„Warum müssen Frauen so tun, als ob sie etwas wären, was sie nicht sind?“, fragt sich Midge auf der Bühne. „Warum sollen wir so tun, als wären wir dumm, wenn wir nicht dumm sind? Warum müssen wir so tun, als wären wir hilflos, wenn wir nicht hilflos sind? Warum sollen wir uns entschuldigen, wenn wir uns für nichts entschuldigen müssen? Warum müssen wir vorgeben, nicht hungrig zu sein, wenn wir hungrig sind?“

Frauen wollen so viel mehr sein. Im Zuge der televisionären Gleichberechtigung dürfen sie genauso moralisch vielschichtige, unheilvolle, komische, tapfere und gebrochene Antiheldinnen sein wie ihre männlichen Pendants, die metaphorisch aus den Wolkenkratzern der Madison Avenue fallen.