Ein Drogenboss, der eine Frau werden will? Und dann auch noch singt? Jacques Audiard erfindet sich mit „Emilia Pérez“ neu.
Es beginnt mit einer originellen Überraschung. Zahlreiche Tänzer kommen singend auf den Zuschauer zu, fast wie in Leos Carax’ Annette. Sie recken die Arme in die Luft, werfen die Beine von sich, drehen sich. Dann kristallisiert sich Zoe Saldaña als Rita heraus, die singend von einem Mordprozess berichtet, in dem sie als Verteidigerin des Angeklagten fungiert. Normalerweise sind Musicals Unterhaltung ohne Reue, ein Vergnügen, in dem es um den Spaß an der Bewegung und die Freude an den Songs geht. Die Attraktion der Bilder und die Eingängigkeit der Musik machen die Publikumswirksamkeit des Musicals aus. Dass nun jemand über Mord und Totschlag singt, über Korruption und Bestechlichkeit, ist zunächst einmal ein Schock. Jacques Audiard, einer der aufregendsten Filmemacher Frankreichs, macht die Dinge wieder einmal anders.
Sein neuer Film erzählt zunächst die Geschichte der Anwältin Rita, die in einer großen Kanzlei in Mexico-City arbeitet – allerdings ohne große Anerkennung zu bekommen. Dabei erzielt sie dank ihrer Sprachgewandtheit und Intelligenz immer wieder Freisprüche für Drogendealer, Mörder und Kartellbosse. Die Lorbeeren heimst allerdings ihr eitler, korrupter Chef ein. Eines Tages eröffnet sich ihr ein Ausweg: Manitas del Monte (Karla Sofia Gascon), einer der skrupellosesten und gewalttätigsten Drogenkartell-Bosse Mexikos, will aussteigen, ein neues Leben beginnen. Das verlangt einiges an Vorbereitung und Organisation. Dafür braucht er Rita, ihre Fähigkeiten sind ihm bereits mehrmals aufgefallen. Damit nicht genug: Der Drogenbaron will sich in eine Frau verwandeln, als die er sich schon immer gefühlt hat: Emilia Pérez. Rita muss nun nicht nur einen bereitwilligen und fähigen Arzt für die Geschlechtsumwandlung finden – auch für del Montes Frau Jessi (Selina Gomez) und die Kinder muss gesorgt werden, ohne dass sie etwas von der neuen Identität des Familienoberhaupts erfahren. Rita wird die einzige sein, die weiß, wer Emilia Pérez einmal war. Doch aus dem organisierten Verbrechen steigt man nicht einfach so aus – die Vergangenheit lässt sich nicht ignorieren.
Genre mit ausgeprägter Handschrift
Ein Musical? Ein Melodram? Eine Gangstersaga? Ein LGBTQ-Film? Eine Telenovela? Jacques Audiard ist ein präziser Kenner der Genres und lässt sich trotz mehrerer Krimis, die er inszeniert hat, auf keines festlegen. Das beweist ein Blick auf seine Filmografie. Der 1952 geborene Franzose, Sohn des Drehbuchautors und Regisseurs Michel Audiard, legte 1994 mit Wenn Männer fallen (Regarde les hommes tomber) ein aufregendes Regiedebüt hin. Da hatte er bereits mehrere Drehbücher geschrieben, manchmal auch gemeinsam mit seinem Vater, zum Beispiel für Claude Millers Das Auge (Mortelle randonnée, 1983). Wenn Männer fallen erzählt die Geschichte eines älteren Handelsvertreters, der den Mord an seinem Freund, einem Poli-zisten, aufklären will. Gleichzeitig bekommt er es mit einem Berufsverbrecher zu tun, der sein Wissen an einen jungen Nachwuchsgangster weitergeben will. Es geht also um Freundschaften, um unterschwellige Homosexualität, um Eifersucht, um Stimmungen, ums Altwerden. Der wilde Schlag meines Herzens (De battre mon cœur s’est arrêté, 2005), nach Das Leben: Eine Lüge (Un héros très discret, 1996) und Lippenbekenntnisse (Sur mes lèvres, 2001) entstanden, ist ein Remake von James Tobacks Fingers (1977): Ein Immobilienunternehmer, dargestellt von Romain Duris, treibt für seinen Vater auf nicht gerade zimperliche Weise Gelder ein. Bis er sich darauf besinnt, was für ein guter Pianist er einmal war und er wieder Konzerte geben könnte. Die Suche nach Erlösung durch die Musik ist hier das Thema, von Audiard kühl und distanziert inszeniert.
2009 dreht Audiard mit Ein Prophet (Un prophète) einen seiner stärksten Filme. Tahar Rahim spielt darin einen 19-jährigen Kriminellen, der für sechs Jahre hinter Gitter muss. Warum, bleibt unklar. Unsanft muss der junge Mann erfahren, dass das Gefängnis ein eigener Mikrokosmos ist. Ein mächtiger Korse, der hier das Sagen hat, zwingt ihn, einen Mithäftling zu ermorden. Töten oder getötet werden – das ist die grausame Lehre, die dem jungen Mann zuteil wird. Doch nur so kann er sich schützen – und später seine Gegner gegeneinander ausspielen. Es geht also, wie schon im Vorgänger, um eine Ich-Werdung, um Selbstbestimmung, um die Fähigkeit, sich zu ändern. Kleine Gesten, unscheinbare Veränderungen und sparsame Dialoge verweisen dabei auf das Kino des großen Jean-Pierre Melville.
Packend ist auch Audiards nächster Film, Der Geschmack von Rost und Knochen (De rouille et d’os) von 2012. Matthias Schoenaerts spielt darin den Endzwanziger Ali, der mit seinem fünfjährigen Sohn von Nordfrankreich an die Côte D’Azur reist, dort zur Familie seiner Schwester zieht und einen Job als Türsteher annimmt. Dabei lernt er die schöne und verführerische, aber auch sehr unzufriedene Stéphanie (Marion Cotillard) kennen, die als Waltrainerin arbeitet. Dann die Tragödie: Ein Orka verursacht während einer öffentlichen Vorführung im Marineland d’Antibes einen schweren Unfall, Stéphanie verliert beide Unterschenkel. Während Ali ihr ohne Mitleid und Mitgefühl ganz pragmatisch hilft, findet die junge Frau langsam ins Leben zurück.
Sie unterstützt Ali, der sich mit regellosen, unbarmherzigen Kickboxkämpfen in schäbigen Hinterhöfen zusätzliches Geld verdient. Ein mitreißendes, kraftvolles und packendes Drama ist so entstanden, das seine unterschiedlichen Handlungsstränge zu einem emotional aufwühlenden, folgerichtigen Ende zusammenführt und dabei in den beiden Hauptrollen durch außergewöhnliche Schauspielerleistungen besticht. Und dann findet Audiard auch immer Bilder, die man so noch nicht gesehen hat, die den Zuschauer überraschen und bewegen. Wie Stéphanie auf Prothesen, mit dem Rücken zur Kamera, vor den Glaswänden des riesigen Aquariums im Marineland steht und den Wal, der ihr doch soviel Leid angetan hat, stumm dirigiert, wird man so schnell nicht vergessen.
2015 entsteht Audiards siebter Spielfilm: Dämonen und Wunder (Dheepan). Ein tamilischer Widerstandskämpfer flüchtet mit seiner Frau und einem Waisenmädchen von Sri Lanka nach Paris. In der dortigen Banlieue versucht er sich als Hausmeister über Wasser zu halten, gerät aber immer mehr in Konflikt mit einem Bandenchef. Auch dies wieder ein kraftvoller, mitunter märchenhafter Film. An der Oberfläche wird die Flüchtlingskrise verhandelt, doch viel wichtiger ist dem Regisseur die Beschreibung von Menschen in der Krise, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ums Überleben kämpfend. Dann auf einmal, quasi als Gegenentwurf zu Dämonen und Wunder, dreht Audiard einen Western: The Sisters Brothers. Zwei ungleiche Brüder arbeiten während des Goldrausches 1851 als Kopfgeldjäger. Doch der Ältere von ihnen sehnt sich nach einem ganz normalen Leben. Audiard interessiert sich dabei nicht so sehr für die Genrekonventionen des Westerns, ihm liegen die Charaktere am Herzen, die redselig ihre Psyche offen legen. Die Western eines John Ford oder Howard Hawks sind weit entfernt.
Anhand von Wo in Paris die Sonne aufgeht (Les Olympiades) zeigt Audiard 2021 eine neue Facette von sich, fast so, als wolle er sich jeder Einordnung, in welches Genre auch immer, verweigern. Diesmal stellt er drei junge Frauen und einen Mann in den Mittelpunkt seiner Erzählung, die sich im 13. Arrondissement von Paris begegnen. Ein leichter, flüssiger Reigen in Schwarzweiß, in dem es wieder um Selbstbestimmung geht, um Ich-Werdung, um einen anderen Entwurf von sich selbst.
Mit Emilia Pérez hat Jacques Audiard nun wieder etwas Neues gewagt und einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Er hat ein Musical inszeniert, in dem es um einen Drogenboss geht, der eine Rechtsanwältin einschaltet, um eine Geschlechtsumwandlung zu organisieren. Das klingt in dieser Verkürzung sehr überdreht und bizarr – wie ein Film von Pedro Almodóvar. Doch Audiard hat einen eigenen Zugang gefunden. Er weiß, was ein gutes Musical ausmacht: Gefühle lassen sich manchmal in einem Lied besser ausdrücken als in einem gewöhnlichen Dialog. Die Songs, komponiert von Camille and Clement Ducol, treiben die Handlung auf unterschiedliche Weise voran: leise, wenn Rita über ihre Zweifel am Beruf nachdenkt, dann laut, wenn sie in einem weinroten Samtanzug über die Tische eines Restaurants wirbelt. Frech und kurios auch jene Nummer, in dem der israelische Arzt in seiner sterilen Klinik in Tel Aviv über die Vorteile von Schönheitsoperationen an intimen Körperteilen singt. Wann hat man in einem Musical schon mal etwas über Scheidenplastik erfahren? Die Musik ist beschwingt und mitreißend. Das hat natürlich auch mit den drei Hauptdarstellern und ihrer Hingabe zu tun. Zoe Saldaña war noch nie so gut wie hier. Kinogänger kennen sie als Action-Heldin aus Guardians of the Galaxy, Avengers: Infinity War und vor allem Colombiana, in dem sie als erotisch aufgeladene Auftragskillerin im knappen Trikot und engen Leggings die Mörder ihrer Eltern rächt. Hier nutzt sie ihre Körperlichkeit, um den atemberaubend choreografierten, treibenden Tanzszenen Schwung und Akrobatik zu verleihen. Gleichzeitig überzeugt sie als sensible, junge Frau, die sich in ihrem Job als Anwältin nicht mehr korrumpieren lassen möchte. Selena Gomez, als Filmschauspielerin wegen ihrer Serientätigkeit, aber auch wegen ihrer Musik-Ambitionen oftmals unterschätzt, ist hier so gut wie seit Spring Breakers nicht mehr. Mit blondem Haar und unterdrückter Wut wendet sie sich in einer hochenergetischen Tanznummer gegen ihr Schicksal. Und dann ist da noch Titeldarstellerin Karla Sofia Gascon, die zu Beginn des Films dem brutalen Gangsterboss viel von seinem Machismo nimmt, um dann als Emilia Pérez die starke Frau zu sein, die sie schon immer sein wollte. Ein radikaler Geschlechts- und Identitätswechsel, von Böse zu Gut, mit dem großes Bedauern und viel Reue einhergeht: Als Mann hat sie Dutzende Menschen getötet. Kann es da Sühne und Vergebung geben?
Es ist dieses moralische Dilemma, das Emilia Pérez dann doch, mit dem Mut zur Veränderung, im Kosmos des Werks von
Jacques Audiard verortet. Audiard macht das mit Verve und Chuzpe, er geht aufs Ganze, ohne Rücksicht, ohne Furcht. Kurzum: Er hat einen fulminanten Film gedreht.
