epicentro

DVD | Edition Der Österreichische Film

Wozu in die Ferne schweifen?

| Jakob Dibold |
Die Sammlung österreichischen Filmschaffens für zuhause ist wieder um fünfzehn Titel reicher. Ein Überblick.

Es ist ein klammheimlicher Meilenstein: Mit der soeben erschienenen siebzehnten Staffel der „Edition Der Österreichische Film“, ist es nun theoretisch möglich, ein Jahr lang jeden Tag eine andere DVD mit einer oder mehreren österreichischen Regiearbeiten einzulegen. Sogar noch ein paar mehr, denn die seit 2006 von der Agentur Hoanzl in Kooperation mit dem „Standard“ herausgegebene Edition zählt nun bereits 370 Titel. Wie immer bildet die Auswahl nicht nur die thematische und gestalterische Vielfalt des „heimischen“ Filmschaffens ab, sondern versammelt auch Filme aus verschiedensten Jahrzehnten, und zwar in haptischer Form mit Wiedererkennungswert. Denn obwohl Hoanzl Ende 2021 die Video-on-Demand-Plattform WatchAUT ins Leben gerufen hat – Ziel ist es, bis 2024 die gesamte Edition abrufbar zu machen –, bleibt das physische Mediumals Sammlerstück – sich hier auch in punkto Material der Ummantelung von Massenware abhebend – natürlich auch im Streamingzeitalter wertvoll. Bis dato 1,7 Mio. verkaufte DVDs sprechen für sich. Und die Möglichkeit, einen Film in den eigenen vier Wänden aufzubewahren, eine eigene Kopie zu besitzen, ist auch heute nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Unter den neuen Titeln trifft dies wohl am stärksten auf Canale Grande (1983) zu, jenes Konventionen sprengende Experimentalwerk in Spielfilmlänge von Friederike Pezold, das, im Rahmen der letztjährigen Diagonale nach langen Jahren des „Verschollen-Seins“ wieder zur Vorführung kam. Pezold holt darin, unter Mithilfe von Elfi Mikesch, brennende gesellschafspolitische Fragen in wiederum ihre eigenen vier Wände und stellt dem Fernsehen ein grenzenlos fantasievolles „Nah-Sehen“ entgegen. Ebenfalls in den frühen Achtzigern im Rahmen der Berlinale lief Alfred Ninaus’ Lauf, Hase, Lauf (1979). Basierend auf einer wahren Begebenheit, thematisiert Ninaus darin die Jugendkriminalität, die aus den letzten Barackensiedlungen in Graz hervorging.

Bretter, die die Welt bedeuten (1935) ist hingegen an sich eine vergnügliche Dreißigerjahre-Komödie; die Biografien der Protagonisten, der berühmten Komiker Szőke Szakáll und Otto Wallburg, und des Regisseurs Kurt Gerron machen sie zu einer von vielen filmgeschichtlichen Tragödien dieser Zeit: In Deutschland schon gar nicht mehr gespielt, konnte Szakáll rechtzeitig in die USA flüchten, konnten Wallburg und Gerron der Shoah nicht mehr entrinnen – beide wurden 1944 in Auschwitz ermordet.Kontextuell verbindet sich der älteste Editions-Neuzugang damit mit der großen TV-Erzählung Mutig in die neuen Zeiten (2005–2007), in dessen drei Teilen Regisseur Harald Sicheritz die österreichische Gesellschaft im ersten, zweiten und dritten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Lupe nimmt. Die dritte Dekade führt uns in Siebziger – und damit zu Ruth Beckermann und Josef Aichholzer, die der österreichischen Nachwelt zwei wichtige Zeitdokumente erarbeiten: eines der Besetzung der Wiener Arena 1976, Arena besetzt, und eines des langen Streiks in der Traiskirchner Reifenfabrik 1978, Auf amol a Streik.

Und mit dem zweiten Jahrzehnt nach WK II befinden wir uns bei den erst kürzlich realisierten Filmen, die ab sofort die Edition bereichern: Der wilde Wiener Untergrund der Sechziger wird von Kurt Girk und Alois Schmutzer in Aufzeichnungen aus der Unterwelt so lebendig und faszinierend erzählt und besungen, dass man das Menschenporträt des Regieduos Tizza Covi und Rainer Frimmel ohnehin mindestens zweimal sehen muss, um all die Geschichten nicht nur zu bestaunen, sondern auch (ein)ordnen zu können. Weitere Werke belegen Österreichs langes Talent für Dokumentarisches: Während Brot (R: Harald Friedl) eher die klassischen Spielregeln einer informativen Dokumentation befolgt, zeigt sich in Lisa Webers Jetzt oder morgen, Hubert Saupers Epicentro und natürlich in Space Dogs von Elsa Kremser und Levin Peter die cineastische Kraft, die sich entfalten kann, wenn man die Potenziale der Realitätsbetrachtung offen denkt. Sei es als würdevolles Sozialdrama in Wien-Simmering, assoziatives Stadterleben auf Kuba oder durch die Augen von Moskauer Straßenhunden zwischen Erde und All.

Aus anderen Gründen als Laika, die Raumfahrthündin, aber ebenfalls unfreiwillig, muss Pavel in Waren einmal Revoluzzer Russland verlassen, um dann gewisse Selbstzerwürfnisse der eigentlich ja weltverbessernd leben wollenden österreichischen Bekannten zu entblößen. Ist das etwa typisch österreichisch, kneifen, wenn es ernst wird? Was das Kino betrifft jedenfalls nicht. Peter Brunners Luzifer ist mit der Tour de Force von Franz Rogowski und Susanne Jensen als traumatisierte und tief-religiöse Mutter-Sohn-Symbiose und dem Horror rasselnd dröhnender Drohnen vielleicht typisch für das Abgründige, Extreme im österreichischen Film. Hochwald (R: Evi Romen) steht in der florierenden Tradition der schonungslosen Heimatanalyse und versucht, über den kulturellen Tellerrand zu blicken – ohne dabei nur in Schwarz und Weiß zu malen. Die internationale Koproduktion Quo Vadis, Aida? mit österreichischer Beteiligung unter der Regie von Jasmila Žbanić steht exemplarisch für die Bereitschaft, auch das eigentlich Unfassbare aufzuarbeiten. Und Beatrix? Zeigt, dass es auch im österreichischen Film wieder Neues geben kann: Ein wunderbar schwer greifbares Debüt von Milena Czernovsky und Lilith Kraxner, voller Einfallsreichtum, getragen von einem anderen Blick. Als ob vierzig Jahre später ein aktualisiertes Pezold’sches „Nah-Sehen“ am Programm stünde. Besser gesagt: steht. Alle genannten neuen Titel in der „Edition Der Österreichische Film“ sind bereits erhältlich.