Vor drei Jahren feierten wir den hundertsten Geburtstag der kantigen Hollywood-Legende mit ausgesuchten Empfehlungen.
Issur Danielowitsch Demsky, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Kirk Douglas, spielte nicht nur auf der Leinwand harte Burschen: Der Mann, der nun hundert wird, überlebte Kriegswunden (Dienst bei der Navy von 1941 bis 1944), einen Hubschrauberabsturz (1991) und einen Schlaganfall (1996). Viele Tode starb er dagegen auf der Leinwand – so wird er beispielsweise in Billy Wilders Ace in the Hole (1951) mit einer Schere erstochen, in Stanley Kubricks Spartacus (1960) von den Römern gekreuzigt oder in Lamont Johnsons A Gunfight (1971) bei einem Duell erschossen. In Vincente Minellis Lust for Life aus dem Jahr 1956 begeht er Suizid.
„Tugend ist nicht fotogen“. Mit diesem legendären Satz begründete Douglas, warum er im Vergleich zu seinen Kollegen verhältnismäßig oft den ins Gras beißenden Bösen respektive den gebrochenen Anti-Helden spielte. „Whenever I played a bad guy, I tried to find something good in him, and that kept my contact with the audience.“ In New York geboren, war er zunächst als Bühnenschauspieler erfolgreich, bis ihm Lauren Bacall eine Rolle in Lewis Milestones The Strange Love of Martha Ivers (1946) vermittelte. Mit seinem intensiven Spiel und seiner virilen Ausstrahlung machte der Mann mit dem markanten Kinngrübchen schnell von sich reden, drehte mit Kalibern wie John Wayne, Robert Mitchum oder Lana Turner. In den fünfziger und sechziger Jahren gehörte Douglas zu den größten Stars der Welt, spielte in Western und Kriegsfilmen ebenso wie in Melodramen und Abenteuerfilmen. Seine Starpower nutzte Douglas auch abseits der Leinwand und setzte etwa durch, dass Drehbuchautor Dalton Trumbo, der in Hollywood während der Kommunistenhatz durch McCarthy auf der Schwarzen Liste stand, namentlich im Vorspann von Spartacus genannt wurde.
Sein Arbeitseifer trug aber auch zum lange Zeit ziemlich schlechten Verhältnis zu Sohn Michael bei – Kirk war selten zuhause, ging Affären ein, ließ sich schließlich von Michaels Mutter scheiden und ehelichte 1954 Anne Buydens, mit der er bis heute verheiratet ist. Vater und Sohn schlossen aber schließlich doch Frieden und traten gemeinsam in der sentimentalen Komödie It Runs in the Family (2003) auf. Bereits in den siebziger Jahren hatte Kirk seinem Sohn die Rechte an Ken Keseys Roman One Flew Over the Cuckoo’s Nest überlassen. Woran der Vater gescheitert war, machte der Sohn als Produzent zu einem Kultfilm, der fünf Oscars gewann. Apropos: Trotz dreier Nominierungen erhielt Douglas erst im Jahr 1996 einen Ehren-Oscar, den er persönlich entgegennahm, obwohl er nur zwei Monate zuvor besagten Schlaganfall erlitten hatte. Der Mann, der selbst zweimal Regie führte und mehrere Romane verfasste, ist immer noch als Blogger für die „Huffington Post“ tätig. Von Stillstand also keine Rede: „The learning process continues until the day you die.“ Sehen Sie auf den nächsten Seiten eine Auswahl von Filmen, die zu den bemerkenswertesten einer jahrzehntelangen Karriere gehören.

Out of the Past
Jacques Tourneur, 1947
Kirk Douglas’ Karriere begann fulminant – mit Lewis Milestones The Strange Love of Martha Ivers (1946) und diesem düsteren Meisterwerk von Jacques Tourneur. 349 Meilen von Los Angeles entfernt liegt Bridgeport, wie uns ein Wegweiser zu Beginn mitteilt. Jeff Bailey (Robert Mitchum), der Betreiber der lokalen Tankstelle, hat diese Distanz zwischen sich und seine Vergangenheit als Großstadt-Privatdetektiv gelegt. Doch dies ist ein Film noir, um nicht zu sagen, die Quintessenz des Film noir, also kommt ein Abgesandter aus ebendieser Vergangenheit, um Jeff daran zu erinnern, dass er Whit Sterling (Kirk Douglas) noch etwas schuldet … Kaum dreißig waren die beiden Hauptdarsteller, als der Film gedreht wurde, und doch beherrschen sie titanenhaft die Leinwand, umkreisen einander wie zwei Raubtiere, sind Todfeinde und einander doch so nahe in ihrem Begehren für dieselbe fatale Frau. (Andreas Ungerböck)

Detective Story
William Wyler, 1951
Einer jener Filme, die vor allem in der Erinnerung weiterleben, seitdem das Fernsehen mehr als zwei Kanäle und paradoxerweise kaum noch Platz für alte Schwarzweißkrimis hat. Kirk Douglas steht hier als New Yorker Cop nominell zwar auf Seiten des Gesetzes, doch sein Jim McLeod ist ein unsympathischer Reinlichkeitsfanatiker und extrem ungut zu seiner feschen Frau Mary (Eleanor Parker), die einmal mit einem Abtreibungsarzt (mit deutsch klingendem Namen: Schneider!) zu tun hatte – lange vor ihrer kinderlos gebliebenen Ehe, versteht sich. Besser als diese Detective Story ist die Anekdote, wie sich der Star auf sie vorbereitet hat. Er begleitete Polizisten in Manhattan auf Streife, bekam eine Uniform geliehen und nahm einem Festgenommenen die Fingerabdrücke ab. Das kam dem Verdächtigen verdächtig vor: „Sind Sie nicht dieser Schauspieler?“ Darauf meinte Douglas: „Wäre ich der, würde ich das tun?“ (Michael Omasta)

Lust for Life
Vincente Minnelli, 1956
Ein Maler, der den Menschen etwas schenken möchte. Der sie das fühlen lassen möchte, was er fühlt, wenn er die Sonne sieht. Und der dieses Gefühl ausdrücken möchte auf der Leinwand. Jene von Kirk Douglas als Vincent van Gogh ist um einiges größer als die des niederländischen Malers, und obwohl seine Mittel für das Kino ganz andere sind, ist sein Ziel dem Van Goghs durchaus ähnlich – als eine Frage des Ausdrucks. Mit seiner körperlichen Präsenz und einer unbändigen Getriebenheit macht Douglas in Lust for Life jeden Raum zur Arena des eigenen Ringens, in der es immer um alles geht: Wenn Anthony Quinn als Gauguin nach Arles auf Besuch kommt und der gemütliche Männerabend zum hitzigen Gefecht über die wahre Aufgabe der Malerei wird, weiß man von Beginn an, welche dieser beiden Größen klein beigeben muss. (Michael Pekler)

Two Weeks in Another Town
Vincente Minnelli, 1962
Eigentlich ist er der fleischgewordene Ehrgeiz. Jede Faser seiner Muskeln gehorcht dem Impuls wetteifernder Anstrengung. Aber dieses und vielleicht zum ersten Mal verkörpert Kirk Douglas einen Helden des Rückzugs. Wir lernen ihn in einem Sanatorium kennen, wo er sich von einem Nervenzusammenbruch erholt. An seine endgültige Wiederherstellung mögen wir fortan nicht mehr recht glauben. Die zweite Chance, die das Schicksal gibt, steckt voller Tücken. Eine davon ist die Wiederbegegnung mit Cyd Charisse, an der er erneut zerbrechen könnte. Und ist es eine Gnade, dass ihm Vincente Minnelli den schmächtigen Edward G. Robinson als viriles Gegenbild verordnet. Und wo MGM dem fiebrigen Melo empfindliche Schnitte verpasste, weiß David Raksins Musik Rat. (Gerhard Midding)

Seven Days in May
John Frankenheimer, 1964
Auf erschreckend prophetische Weise nimmt dieser exemplarische Politthriller eine zutiefst gespaltene US-amerikanische Gesellschaft – wenn auch aus anderen Gründen als gegenwärtig – vorweg. Ein Abrüstungsvertrag mit der Sowjet-
union wird von großen Teilen der Bevölkerung so vehement abgelehnt, dass reaktionäre Kreise mit dem charismatischen Generalstabschef Scott (Burt Lancaster) an der Spitze die Macht durch einen Militärputsch übernehmen wollen. Als Scotts Adjutant Oberst Casey durch Zufall hinter diese Pläne kommt und den Präsidenten informiert, scheint es jedoch fast zu spät zu sein, um die perfide Konspiration noch aufzuhalten. Kirk Douglas, seit jeher einer der aktivsten Proponenten des liberalen Hollywood, findet mit der Rolle des regierungstreuen Offiziers Casey, der sich den Prinzipien der Demokratie mehr verpflichtet sieht als seinem von ihm persönlich geschätzten Vorgesetzten und die verhängnisvolle Kette von Befehl und Gehorsam durchbricht, eine Paraderolle, die seine politischen Überzeugungen deutlich widerspiegelt. (Jörg Schiffauer)

Spartacus
Stanley Kubrick, 1960
Wer Spartacus wirklich war, jener Spartacus, der 73 v. Chr. einen Sklavenaufstand gegen Rom anführte, der schließlich niedergeschlagen wurde, verliert sich in jenem Nebel der Geschichte, der die Machtlosen umfängt. Den Machtlosen gehört dafür das Reich der Phantasie – und dem entstammt ein historischer Roman von Howard Fast aus dem Jahr 1951, auf dem ein Monumentalfilm von Stanley Kubrick nach einem Drehbuch von Dalton Trumbo beruht, den wiederum Kirk Douglas als ausführender Produzent und Hauptdarsteller realisierte. Douglas spielt Spartacus weder als geborenen Helden noch als politischen Ideologen. Er spielt ihn als einfachen Mann, als einen, der leben will und die Welt erfahren, und nie verrät er seine Figur an Konventionen der Darstellung. Douglas’ Spartacus ist sprichwörtlich jeder, seine Hoffnungen und Träume sind die von allen, und sein Scheitern ist umso schmerzlicher, als es das Scheitern der Menschlichkeit ist. (Alexandra Seitz)

Paths of Glory
Stanley Kubrick, 1957
Die erste Zusammenarbeit von Kirk Douglas und Stanley Kubrick geriet zu einem der besten (Anti-)Kriegsfilme: Douglas soll als französischer Colonel Dax während des Ersten Weltkriegs einen unmöglichen Angriff durchführen, den ein General aus Eitelkeit in Auftrag gibt. Nachdem der Vorstoß auf die deutschen Linien scheitert, werden drei Männer ausgewählt, die stellvertretend für die Kompanie wegen „Feigheit vor dem Feind“ hingerichtet werden sollen. Dax übernimmt die Verteidigung, steht gegen das Kriegsgericht jedoch auf verlorenem Posten … Der Film, der in Frankreich, der Schweiz und Spanien wegen seiner Kritik am Militär lange Zeit auf dem Index stand, ging nicht nur wegen seiner ikonischen Sequenzen – die langen Kamerafahrten durch die Schützengräben, das Lied, mit dem eine deutsche Gefangene die Soldaten zu Tränen rührt – in die Filmgeschichte ein: Douglas, der in seiner langen Karriere besonders gern den Anti-Helden gab, überzeugt hier voll und ganz als aufrechter Verteidiger der Humanität gegen ein System, das ungerührt Menschen zur Schlachtbank führt. (Oliver Stangl)

Ace in the Hole
Billy Wilder, 1951
Antihelden hat Kirk Douglas im Lauf seiner 62-jährigen Karriere zur Genüge gespielt, doch kaum einen hat er mit mehr Inbrunst versehen und kaum einer war zynischer als der Lokalzeitungsreporter Chuck Tatum (in der deutschen Fassung gar zur Titelfigur „Reporter des Satans“ erhoben). Als Tatum, „down on luck“ in New Mexico, von einem in einer Höhle eingeschlossenen Artefaktensammler erfährt, wittert er seine große Chance. Trockener Alkoholiker und Egozentriker, würde Tatum für eine Story nämlich nicht nur seine Großmutter verkaufen, sondern über Leichen gehen. Den Spruch nimmt Billy Wilder wörtlich und nach Sunset Boulevard (1950), seiner Abrechnung mit der Traumfabrik, die Medien aufs Korn. Im zarten Alter von zwanzig hatte Wilder sich seine ersten Sporen bei dem Wiener Boulevardblatt „Die Stunde“ verdient; seine vernichtende Anklage der Sensationsgier US-amerikanischer Prägung ist heute relevanter denn je. Und Douglas macht seine Sache so gut, dass man Tatum schlechterdings von der Leinwand holen und in ein Loch stecken möchte. (Roman Scheiber)
